Börsenweisheiten haben einen besonderen Charme. Sie verdichten komplexe betriebswirtschaftliche Zusammenhänge zu einem einzigen, eingängigen Satz. Man kann sie sich merken, weitergeben und im Zweifel sogar zustimmend nicken – selbst dann, wenn man die Hintergründe nicht im Detail durchdrungen hat.
Eine besonders verbreitete Weisheit, die auch ich selbst immer wieder zitiere, lautet: „Gewinn ist Ansichtssache, Cashflow Tatsache.“
Der Satz trifft einen Nerv – auch in der Beratungspraxis. Viele Anleger, aber ebenso Aufsichtsräte, Kreditgeber oder Analysten haben erlebt, dass ausgewiesene Gewinne erstaunlich wenig über die tatsächliche wirtschaftliche Lage eines Unternehmens verraten. Gesellschaften mit ordentlichen Ergebnissen geraten plötzlich in Liquiditätsschwierigkeiten. Andere Unternehmen zeigen über Jahre hinweg geringe oder sogar negative Gewinne, generieren aber kontinuierlich Zahlungsmittel.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Cashflow wie der ehrlichere, greifbarere Maßstab wirtschaftlicher Stabilität. Doch wie so oft bei eingängigen Wahrheiten gilt auch hier: Ganz so einfach ist es nicht.
Warum der Gewinn tatsächlich Interpretationsspielraum bietet
Der ausgewiesene Gewinn entsteht nicht auf dem Bankkonto, sondern im Rechnungswesen. Er basiert auf Bewertungen, Schätzungen, Periodenabgrenzungen und – innerhalb der gesetzlichen Vorgaben – auch auf Ermessensentscheidungen. Genau darin liegt seine Aussagekraft, aber auch seine Anfälligkeit für unterschiedliche Interpretationen.
Unternehmen können beispielsweise Entwicklungskosten aktivieren statt sofort als Aufwand zu erfassen. Sie bestimmen Nutzungsdauern von Vermögenswerten und damit die Höhe der Abschreibungen. Rückstellungen können vorsichtig oder optimistisch bemessen werden. Selbst der Zeitpunkt der Umsatzrealisierung verschiebt Ergebnisse zwischen Perioden.
All dies bewegt sich im Rahmen ordnungsmäßiger Rechnungslegung und ist keineswegs automatisch manipulativ. Dennoch zeigt sich:
Der Gewinn ist kein rein objektiver Messwert, sondern das Ergebnis eines regelgebundenen Bewertungssystems mit Spielräumen.
Für die Analysepraxis bedeutet das: Der Gewinn erzählt eine wichtige Geschichte – aber selten die ganze.
Warum der Cashflow als „harte“ Größe gilt
Im Vergleich dazu wirkt der Cashflow zunächst deutlich nüchterner. Zahlungsströme sind weniger interpretationsanfällig als bilanzielle Bewertungen: Geld ist geflossen oder eben nicht.
Besonders der operative Cashflow zeigt, ob ein Geschäftsmodell tatsächlich Liquidität erwirtschaftet und ob ausgewiesene Gewinne durch Einzahlungen unterlegt sind. Aufbauend darauf richtet sich der Blick vieler Investoren auf weiterführende Kennzahlen:
- Free Cashflow: der nach Investitionen verbleibende Zahlungsmittelüberschuss, der für Schuldentilgung, Dividenden oder Wachstum zur Verfügung steht.
- Cash Conversion: das Verhältnis von Gewinn zu operativem Cashflow und damit ein Maß dafür, wie gut Ergebnisse in Liquidität überführt werden.
- Liquiditätsentwicklung: zentrale Grundlage für Fortführungsprognosen, Covenants und Finanzierungsfähigkeit.
Dahinter steht eine betriebswirtschaftliche Grundregel, die auch in der Restrukturierungs- und Prüfungspraxis gilt: Überleben kann ein Unternehmen nur mit Liquidität – nicht mit Buchgewinnen.
Bis hierhin erscheint die Börsenweisheit durchaus plausibel.
Wo die Weisheit zu kurz greift
Problematisch wird der Satz dort, wo er als absolute Wahrheit verstanden wird. Denn auch Cashflows sind nicht frei von Gestaltungseinflüssen.
Zahlungsströme lassen sich beispielsweise durch Factoring, verlängerte Lieferantenzahlungsziele oder verschobene Investitionen kurzfristig verbessern. Gerade ein steigender Free Cashflow kann deshalb auch Ausdruck unterlassener Zukunftsinvestitionen sein – mit entsprechenden Risiken für die langfristige Ertragskraft. Cashflow misst somit Zahlungsströme, aber nicht automatisch wirtschaftliche Nachhaltigkeit.
Hinzu kommt: Wachstumsstarke Geschäftsmodelle weisen häufig über Jahre hinweg negative Free Cashflows auf, weil Investitionen, Working-Capital-Aufbau und Markterschließung Liquidität binden. Dennoch können solche Unternehmen ökonomisch gesund sein und erheblichen Unternehmenswert schaffen. Eine isolierte Cashflow-Betrachtung würde hier zu Fehlurteilen führen.
Und schließlich bleibt eine grundlegende betriebswirtschaftliche Grenze bestehen: Dauerhaft lässt sich fehlende Ertragskraft nicht durch Zahlungsströme kompensieren.
Vermögenswerte müssen ersetzt, Schulden zurückgeführt und Kapitalgeber vergütet werden – langfristig nur aus nachhaltigen Gewinnen.
Entscheidend ist das Zusammenspiel
Die eigentliche Schwäche der Börsenweisheit liegt daher weniger im Inhalt als in der Gegenüberstellung. Gewinn und Cashflow sind keine Gegensätze, sondern zwei komplementäre Perspektiven auf dieselbe wirtschaftliche Realität.
Für Berater, Prüfer, Aufsichtsräte und Analysten ergeben sich daraus zentrale Prüfungsfragen:
- Korrespondiert der Cashflow mit dem ausgewiesenen Gewinn oder bestehen strukturelle Abweichungen?
- Beruht ein positiver Cashflow auf dem Geschäftsmodell oder auf temporären Effekten?
- Welche Investitionen sind erforderlich, um die Ertragskraft zu sichern – und wie beeinflusst das den Free Cashflow?
Erst diese integrierte Betrachtung ermöglicht eine belastbare Beurteilung der wirtschaftlichen Stabilität.
Und mein Senf dazu
Ich gestehe: Ich mag Börsenweisheiten. Nicht weil sie immer stimmen, sondern weil sie komplexe Zusammenhänge zugänglich machen. Auch diese Weisheit erfüllt einen wichtigen Zweck – sie lenkt den Blick weg vom reinen Periodengewinn hin zur Liquidität. Gerade nach Insolvenzen vermeintlich profitabler Unternehmen wirkt diese Perspektive wohltuend ernüchternd.
Und doch bleibt ein Unbehagen. Denn die Weisheit ersetzt ein mögliches Missverständnis durch ein neues.
Wer Gewinne pauschal als „Ansichtssache“ abtut, unterschätzt die Aussagekraft ordnungsmäßiger Rechnungslegung. Bilanzierungs- und Bewertungsspielräume sind kein Freifahrtschein zur Beliebigkeit. Nachhaltige Gewinne bleiben der zentrale Indikator wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Umgekehrt ist auch der Cashflow keine unangreifbare Wahrheit. Zahlungsströme lassen sich verschieben, finanzieren oder durch unterlassene Investitionen kurzfristig verbessern. Ein glänzender Cashflow kann daher ebenso erklärungsbedürftig sein wie ein auffälliger Gewinn. Die betriebswirtschaftliche Realität liegt – wie so oft – im Dazwischen.
Für die Praxis bedeutet das: Nicht die Entscheidung zwischen Gewinn und Cashflow führt zu besseren Urteilen, sondern das Verständnis ihres Zusammenspiels. Erst wenn Ergebnisrechnung, Zahlungsströme und Investitionsbedarf gemeinsam analysiert werden, entsteht ein realistisches Bild wirtschaftlicher Stabilität.
Vielleicht müsste die Börsenweisheit daher weniger eingängig, aber präziser lauten:
- Gewinn ohne Cashflow macht misstrauisch.
- Cashflow ohne Gewinn hat ein Ablaufdatum.
- Erst beides zusammen zeigt, wie gesund ein Unternehmen wirklich ist.
Keine perfekte Börsenweisheit. Aber eine ziemlich brauchbare Arbeitshypothese – auch für die Beratungspraxis.