Digitale Hauptversammlung – Verschlafen von Weiterentwicklung wird jetzt bestraft

Entfällt der Würstchen-Streit jetzt vollständig?

Im Eiltempo hat die Bundesregierung zahlreiche Gesetze verabschiedet: Das größte Maßnahmenpaket der Geschichte unseres Landes wurde diese Woche beschlossen. Auch die Durchführung einer digitalen Hauptversammlung ist möglich. Grundsätzlich eine wichtige Angelegenheit, denn derzeit ist schwierig abzuschätzen, bis wann Versammlungen in Größe einer Hauptversammlung von mehreren Hundert Leuten wieder möglich sind. Bei einer Pflicht zur Präsenzveranstaltung bedeutet dies: Bis Veranstaltungen wieder erlaubt werden weder Hauptversammlung noch Dividende. Planen ist aktuell nahezu unmöglich. Was jetzt (27. März 11:50 Uhr) noch aktuell ist, kann in einer Stunde schon ganz anders aussehen.

Die rechtliche Beurteilung der digitalen Hauptversammlung überlasse ich den Juristen, die Stellungnahme für den Schutz der Aktionärsrechte Vereinigungen wie der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Durch den derzeitigen Ausnahmezustand bestehen hier die größten Risiken, dass wichtige rechtliche Themen übergangen werden. Hier sollte der Gesetzgeber trotz der Eile auch die Folgekonsequenzen bedenken. Auch für Fragen der Anfechtbarkeit brauchen wir die Meinungen von Juristen.

Im Jahr 2017 hatte ich einen Beitrag zum Thema „Hauptversammlung digitalisieren: Zukunftsvision Hauptversammlung 2030“ geschrieben: Vielleicht wird diese Vision durch den Corona-Virus nun doch schneller zur Wirklichkeit.

Lessons learned – hoffentlich

Was wir bereits jetzt daraus lernen sollten: Der Gesetzgeber sollte die digitale Hauptversammlung nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft ermöglichen. Gesichert werden müssen selbstverständlich die Rechte der Aktionäre. Aber sind wir doch einmal ehrlich: Wer von den Anwesenden verfolgt denn die wirklich wichtigen Themen? Oder ist da das Essen am Büffet nicht doch wichtiger? Zum Thema Buffet wird immer wieder auf den Würstchen-Streit bei der Hauptversammlung von Daimler vor einigen Jahren verwiesen, der einen Polizeieinsatz zur Folge hat.

Vielleicht kann die Digitalisierung der Hauptversammlung zu einem beitragen: Der Fokussierung auf den eigentlichen Sinn und Zweck der Hauptversammlung. Schließlich soll über die Geschäftslage des Unternehmens berichtet werden. Gerade durch die erheblichen Auswirkungen der Ausbreitung des Corona-Virus gibt es dazu sicherlich genügend Redebedarf. Die Angabe der voraussichtlichen Dividende unter Vorbehalt aktueller Entwicklungen durch die Corona-Pandemie, das gab es sicherlich noch nie. Zumindest nicht in der breiten Masse der Unternehmen.

Fehlender Fortschritt durch die Schaffung entsprechender gesetzlicher Rahmenbedingungen führt nunmehr derzeit zu dem Beschlussmarathon im Bundestag. Denn nur wenn die Möglichkeit einer digitalen Hauptversammlung aus rechtlicher Sicht besteht, können Unternehmen sich darüber Gedanken machen und sich diesbezüglich weiterentwickeln. Doch eine boomende Wirtschaft lähmt den Fortschritt: Es lief ja auch jahrelang ohne. Dies fällt uns jetzt gerade auf die Füße.

Herausforderungen für Unternehmen

Die diesjährige Hauptversammlungs-Saison wird sicherlich zu einigen Veränderungen führen und Unternehmen vor große Herausforderungen stellen. Denn sowohl eine zeitliche Verschiebung der Präsenz-Hauptversammlung oder aber die Online-Durchführung bedeuten einen erheblichen Arbeitsaufwand. Ganz abgesehen davon, dass dies auch erhebliche Zusatzkosten verursachen wird. Dies genau in der Zeit, in der jedes Unternehmen bei Investitionen vorsichtig ist und die Budgets gekürzt werden.

Bei der Durchführung einer digitalen Hauptversammlung müssen nicht nur die entsprechenden Informationen an die Aktionäre erfolgen. Auch bei der Durchführung wird sich im Vergleich zur Präsenzveranstaltung einiges ändern. So stellt sich die Frage, wie der Wortmeldetisch für die Anmeldung von Fragen der Aktionäre und Aktionärsvertreter digital umgesetzt werden kann.

Schade, dass die Unternehmen nun unter Zeitnot Entscheidungen treffen müssen und dies nicht nur für die Mitarbeiter der Abteilung Investor Relations einen erheblichen Arbeitsaufwand bedeutet: Dies alles ist derzeit nur so, weil wir in unserem Land den Fortschritt verschlafen haben. Würden die gesetzlichen Rahmenbedingungen schon viel länger stehen, hätte sicherlich das ein oder andere Unternehmen die digitale Durchführung der Hauptversammlung ausgetestet. Allen voran sicherlich Unternehmen, die selbst sehr digital aufgestellt sind.

Fazit:

Bewegende Zeiten, in denen wir uns derzeit befinden. Eines ist sicher: Ohne die Ausbreitung des Corona-Virus wäre das Thema der digitalen Hauptversammlung sicherlich noch lange nicht auf die Agenda gekommen. Versuchen wir, diese Krise als Chance zu nutzen. Wir werden sehen, ob die digitale Hauptversammlung als Normalfall bis 2030 Zukunftsmusik bleiben wird.

Lesen Sie hierzu auch meine Beiträge im NWB Experten-Blog:

Weitere Quellen:

 

 

Tickende Zeitbombe Goodwill – Platz die Abschreibungs-Bombe durch die Corona-Pandemie?

Immer wieder hatte ich vor der Zeitbombe Goodwill gewarnt in meinen Beiträgen. Wird sie in diesem Jahr platzen? Auch wenn die Unternehmen derzeit vor allem mit dem Thema Liquidität befasst sind, der Goodwill kommt als Folgekonsequenz demnächst auch auf die Agenda. Denn die Situtation, in der wir uns gerade befinden, ist eine externe Informationsquelle für eine mögliche Wertminderung.

Drohen hohe Abschreibungen des Goodwills, hat dies erhebliche Auswirkungen auf den Gewinn und das Eigenkapital der Unternehmen. Brisant ist dies genau deswegen, weil durch die derzeitigen Rechnungslegungsvorschriften die Buchwerte des Goodwills seit 2004 deutlich angeschwollen sind. Befeuert wurde dies nicht nur durch den Wegfall der planmäßigen Abschreibung des Goodwills seither, sondern auch durch die langanhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank.

Warum sich Wertminderungen ergeben könnten

Durch die derzeitigen Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus ergeben sich Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation zahlreicher Unternehmen. So gibt es derzeit beispielsweise Verzögerungen in der Lieferkette oder Schwierigkeiten am Absatzmarkt. Weiterlesen

Corona-Serie: Wie im Science-Fiction Film – Hauptversammlungen werden wegen Corona reihenweise abgesagt

Ein Unternehmen nach dem anderen sagt seine für die nächsten Wochen terminierte Hauptversammlung ab. Während ich diesen Text schreibe, werden möglicherweise gerade weitere Entscheidungen diesbezüglich getroffen – auch wenn ich diesen Beitrag aus aktuellem Anlass an einem sonnigen Frühlingstag schreibe.

Vor allem, wenn draußen die Sonne scheint und der Frühling durchs Fenster schaut. Doch „normal“ ist nicht, was gerade passiert. Diese außergewöhnlichen Zeiten werfen gerade alles durcheinander. Damit der Beitrag auch in 24 Stunden noch aktuell ist, verzichte ich aus aktuellem Anlass auf die Nennung von Unternehmensnamen. Denn bis dahin haben sicherlich einige weitere Unternehmen ihre Hauptversammlung verschoben.  Weiterlesen

Hauptversammlungen 2020 in Zeiten des Corona-Virus: Der Streit um die Würstchen entfällt vorerst

Dividendenauszahlung verzögern sich

Die Hauptversammlungs-Saison steht vor der Tür. Eigentlich. Doch aufgrund der aktuellen Lage durch die Corona-Pandemie ist in diesem Jahr alles etwas anders als bisher. Erfahrungswerte? Fehlanzeige. Die Unternehmen gehen damit unterschiedlich um.

Continental und Daimler haben den Termin für die anstehende Hauptversammlung verschoben, die Deutsche Telekom bittet Aktionäre, nicht zu kommen. Dennoch schließt die Deutsche Telekom eine kurzfristige Absage nicht aus. Eine verrückte Welt, in der wir gerade leben. Immerhin bleibt uns vorerst eines erspart: Der Streit ums Würstchen am Buffet. Weiterlesen

Erste Hilfe von Vater Staat für Unternehmen: Aussetzung von Steuervorauszahlungen

Vater Staat hat erkannt: Aufgrund der aktuellen Lage durch die Corona-Pandemie haben Unternehmen nicht nur teilweise erhebliche Umsatzeinbußen. Gerade bei Messeveranstaltern und Restaurants hat dies bereits existenzbedrohende Situationen herbeigeführt. Ein ausgefallener Restaurantbesuch wird bei einer Normalisierung der Lage nicht nachgeholt. Daher werden u.a. Restaurants mit deutlich geringeren Umsätzen in diesem Jahr auskommen müssen, um ihre Kosten zu decken. Die ausgefallenen Messen können auch nicht alle auf den Herbst verschoben werden.

Sonder-Abschreibung ist keine Erste-Hilfe-Maßnahme

Es gab schon erste Diskussionen um die Einführung von Sonder-Abschreibungen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme kann dies einem Restaurant aber nicht helfen, die Gehälter und die Pacht zu bezahlen. Denn bis zur nächsten Steuererklärung muss das Restaurant erst ausreichend Liquidität haben, um so lange überleben zu können.

Wenn die schlimmste Phase vorbei ist, kann sich der Bundestag mit dem Thema Abschreibung beschäftigen. Wichtig ist neben der Eindämmung der Pandemie für Unternehmen das Thema Liquidität. Dies kann durch die Unterlassung von Steuervorauszahlungen erfolgen. Die Vorauszahlungen für März sind zwar schon durch. Wenn die Bundesregierung aber eine schnelle Entscheidung trifft, könnten ab April die Vorauszahlungen für einige Monate ausgesetzt werden.

Erste-Hilfe-Maßnahme: „Liquidität“

Sicherlich löst dies zwar mittelfristig keine strukturellen Probleme eines Unternehmens: Dennoch verschafft es den Unternehmen etwas Luft, bis die Lage sich wieder normalisiert. Insbesondere kleine Unternehmen und Selbständige haben oftmals kein ausreichendes Liquiditätspolster, wenn kurzfristig in großem Umfang Aufträge wegfallen wie dies derzeit der Fall ist.

Die Frist für die Abgabe der Steuererklärungen 2018 ist Ende Februar abgelaufen: Auch hier könnte der Staat bei einer Nachzahlung diese vorerst aussetzen – ohne das Anfallen von Säumniszuschlägen. Eine beschleunigte Bearbeitung bei einer Steuererstattung ist vermutlich aufgrund der Personalsituation in den Finanzämtern nicht möglich: Denn auch dort wird vermutlich der Krankenstand relativ hoch sein.

Auch bei der Umsatzsteuer-Voranmeldung könnte der Staat den Unternehmen entgegenkommen: Allerdings ist hier die Umsetzung sicherlich auf die Schnelle schwieriger, da dies auch die Prozesse in den Unternehmen beeinflusst. Diese haben momentan mit der schnellen Einrichtung von Home-Office sowie sonstigen Corona-Problemen zu kämpfen und dafür sicherlich keine zeitlichen Ressourcen.

Schuldenstand Deutschlands – die Wahrheit

Wo liegt das Problem? Vermutlich braucht Vater Staat die Steuervorauszahlungen selbst sehr dringend. Denn schließlich hat er viele Zahlungen zu leisten. Ganz abgesehen von der Staatsverschuldung: Diese beträgt nämlich keinesfalls „nur“ zwei Billionen. Eine unvorstellbar hohe Zahl, daher ein verständlicher Vergleich: Laut der Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler e.V. sind dies pro Kopf ca. 23.200 €.

Und das ist noch nicht alles: Die zwei Billionen sind lediglich die ausgewiesene, die sog. explizite Staatsverschuldung. Dazu kommen noch schätzungsweise 5-6 „Billiönchen“ oben drauf, die sog. implizite Staatsverschuldung. Dazu zählen künftige Zahlungen des Staates, die er versprochen hat wie beispielsweise Beamtenpensionen oder aber auch Zusagen an die Krankenkassen.

Falls Sie gerade in Hausarrest sind: Ein Blick auf die Schuldenuhr mit dem aktuellen Schuldenstand zeigt Ihnen zumindest einen Teil der Wahrheit der finanziellen Situation unseres Landes.

Fazit:

So schnell wie sich derzeit die Corona-Meldungen ändern ist nicht einmal die digitale Transformation. Als Erste-Hilfe-Maßnahme für Unternehmen kann daher die Aussetzung von Steuervorauszahlungen etwas Luft schaffen – zumindest vorübergehend.

Lesen Sie dazu auch:
Homuth: Coronavirus – Erste-Hilfe-Maßnahmen im Steuerrecht

Besuchen Sie auch meine Podcasts (Youtube):
Kurz und langfristige Auswirkungen des Corona-Virus auf den Geschäftserfolg
BWA in 5 Minuten (Teil 3): Gewinn vs. Liquidität

 

Corona-Virus: Chance zur Beschleunigung der Digitalisierung der Hauptversammlung?

Die Hauptversammlungs-Saison steht vor der Tür. Neben ihr: Der Corona-Virus. Derzeit werden fast täglich Großveranstaltungen und Messen abgesagt, um den Gefahren der Ausbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken.

Doch wie ist dies eigentlich mit einer Hauptversammlung? Denn schließlich gibt es dazu eine gesetzliche Verpflichtung, anders als bei Konzerten, Messen und anderen Großveranstaltungen. Weiterlesen

Serie Bilanzskandale: Beteiligung schönrechnen mit rosaroter Brille

Nachdem wir uns Anfang Februar mit dem Aufpumpen des immateriellen Vermögens beschäftigt haben, nun ein kreativer Fall zum Thema Aufpumpen bzw. Schönrechnen einer Beteiligung. Ein entscheidender „Vorteil“ aus Sicht der Fälscher bei diesen beiden Fällen: Sie wirken sich nur auf den Gewinn aus, Liquiditätsengpässe sind hier nicht zu erwarten. Also aus Fälschersicht durchaus attraktiv, die Bilanzen auf diese Art und Weise zu manipulieren. Dennoch ist Bilanzfälschung kein Kavaliersdelikt wie falsch parken, sondern eine Straftat. Weiterlesen

Einführung einer Corporate Governance Polizei?

In Spanien gibt es eine Behörde, die sich um die Einhaltung der Corporate Governance Regeln kümmert. Vergleichbar mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung, umgangssprachlich auch bekannt als Bilanzpolizei.

Braucht es auch in Deutschland eine Corporate Governance Polizei? Lassen Sie uns darüber nachdenken. Weiterlesen

Corona-Virus: Auch altbekannte Risiken sollten auf der Agenda stehen

Globalisierung zeigt Verletzlichkeit der Wirtschaft

Fast 60.000 Corona-Fälle. Absage der Mobilfunkmesse in Barcelona. EU-Notfallgipfel. Die Meldungen haben sich in den letzten Tagen überschlagen. Bei Gesprächen mit Firmenchefs wird deutlich: Die Lungenkrankheit ist ein Konjunkturrisiko. Was dieses Beispiel wieder einmal zeigt: Auch altbekannte Risiken der Globalisierung bestehen weiterhin. Ich muss zugeben: Der Fokus meiner Studien liegt derzeit eher auf den Themen Cyber-Risiken und Risiken des Klimawandels.

Kosten hoch, Umsätze runter

Die aktuelle Epidemie zeigt die Abhängigkeit der Wirtschaft von den globalen Handelsströmen. Wenn Teile nicht rechtzeitig geliefert werden, steht die Produktion still. Dies verursacht hohe Kosten, kann das Image schädigen und zeigt vor allem die Verletzlichkeit, wenn sich die Lieferungen verzögern bzw. ausfallen. Weiterlesen

Bilanzkosmetik ade? – Fehlanzeige trotz neuer Leasingbilanzierung

Mit Spannung werden die Jahresabschlüsse der Konzerne erwartet. Die Bilanzsaison ist in greifbarer Nähe. Der neue Standard wurde in jüngster Vergangenheit kritisch beäugt. Insbesondere der mit der Umstellung verbundene Aufwand der Erfassung aller Leasingverträge hat so manch eine Abteilung einige Zeit zum Schwitzen gebracht. Bei mehreren zehntausend Verträgen in einigen Unternehmen auch kein Wunder.

Mit der neuen Bilanzsaison warten auch die ersten Berichte mit der verpflichtenden Anwendung des neuen Leasingstandards. Transparenz bei bestehenden Leasingverträgen war das Ziel. Verringerung der Möglichkeiten zur Bilanzgestaltung alias Bilanzkosmetik auch. Doch weit gefehlt. Weiterlesen