Manchester City hat sportlich fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Meisterschaften, Pokale, Champions League. Doch derzeit geht es nicht um Tore, sondern um Zahlen – und um die Frage, ob ein Teil des sportlichen Erfolgs auf Finanzdaten beruhte, die besser aussahen als die wirtschaftliche Realität.
Ende September hat eine unabhängige Kommission Manchester City wegen Verstößen gegen die Finanzregeln der Premier League schuldig gesprochen. Nach Angaben des Handelsblatts soll der Klub seine Einnahmen über Jahre um insgesamt rund 900 Millionen Pfund künstlich erhöht haben. Das Strafmaß steht noch aus. Im Raum stehen unter anderem massive Punktabzüge oder sogar der Ausschluss aus der Premier League. Für Rechnungslegung klingt das zunächst nach einem Spezialfall aus der Fußballwelt. Ist es aber nicht.
Der Fall zeigt vielmehr ziemlich anschaulich, wie aus einer vermeintlich technischen Frage der Rechnungslegung plötzlich ein handfester Wettbewerbsvorteil werden kann. Im Fußball entscheidet die finanzielle Darstellung nämlich mit darüber, wie viel Geld für Spieler, Gehälter und damit letztlich für Tore sowie Titel zur Verfügung steht.
Der Trick hinter dem Sponsoring
Besonders spannend sind die Vorwürfe rund um Sponsoringeinnahmen. Nach Darstellung von ZDFheute sollen in Sponsoringverträgen höhere Einnahmen ausgewiesen worden sein, als wirtschaftlich tatsächlich vom Sponsor getragen wurden. Ein Teil des Geldes soll letztlich von den Eigentümern des Klubs gekommen sein. Gleichzeitig sollen bestimmte Ausgaben über Dritte abgewickelt worden sein.
Auf den ersten Blick landet in beiden Fällen Geld beim Klub. Bilanztechnisch macht die Herkunft aber einen gewaltigen Unterschied. Ein echter Sponsoringerlös ist Umsatz aus einer Gegenleistung. Eine Finanzierung durch den Eigentümer ist das nicht. Wird Eigentümergeld als operativer Erlös dargestellt, wirkt das Geschäftsmodell stärker und unabhängiger, als es tatsächlich ist.
Und genau hier wird es interessant: Im Profifußball gibt es finanzielle Regeln, die verhindern sollen, dass Vereine dauerhaft weit über ihre eigene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hinaus Geld ausgeben. Wer Einnahmen nach oben schiebt oder Ausgaben aus dem eigenen Zahlenwerk heraushält, verändert deshalb nicht nur eine Kennzahl. Er vergrößert möglicherweise auch den finanziellen Spielraum für den nächsten Transfer.
Von der GuV direkt in die Startelf
Das macht den Fall so anschaulich. Ein paar Millionen mehr Erlöse sind im Fußball eben nicht nur ein schönerer Jahresabschluss. Sie können darüber entscheiden, ob ein Klub einen weiteren Star verpflichtet, höhere Gehälter zahlt oder die Regeln zum finanziellen Fairplay einhält. Aus einem Rechnungslegungsthema wird damit sehr schnell ein sportliches Thema.
Das funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Werden Kosten nicht beim Klub selbst erfasst, sondern von Dritten getragen, sieht die Aufwandseite besser aus. Der wirtschaftliche Effekt bleibt trotzdem da. Nur taucht er dort nicht auf, wo man ihn erwarten würde. Und genau das ist bei möglichen Bilanzmanipulationen häufig der entscheidende Punkt: Nicht jede problematische Darstellung beginnt mit einer frei erfundenen Buchung. Manchmal reicht schon eine echte Zahlung mit einer falschen wirtschaftlichen Geschichte.
Was Unternehmen daraus lernen können
Der Fußball liefert hier nur die besonders medienwirksame Bühne. Der Mechanismus ist auf normale Unternehmen ohne Weiteres übertragbar. Hellhörig sollte man werden, wenn auffällig hohe Erlöse mit Eigentümern, verbundenen Unternehmen oder wirtschaftlich nahestehenden Parteien entstehen, wenn Vertragskonditionen kaum zum Markt passen oder wenn eine Ergebnisverbesserung nicht recht zur operativen Entwicklung passt.
Dann helfen erstaunlich einfache Fragen: Wer zahlt eigentlich? Wofür genau? Gibt es eine nachvollziehbare Gegenleistung? Würde ein unabhängiger Dritter denselben Preis zahlen? Und würde das Geschäftsmodell ohne diese Zahlung genauso funktionieren? Gerade bei Geschäften mit nahestehenden Parteien ist die wirtschaftliche Substanz wichtiger als ein sauber abgehefteter Vertrag.
Auch die Kostenseite verdient Aufmerksamkeit. Wenn Dritte Ausgaben übernehmen, die wirtschaftlich zum Unternehmen gehören, kann ein Ergebnis ebenfalls deutlich besser aussehen. Wer nur prüft, ob eine Rechnung vorhanden und eine Zahlung erfolgt ist, kann deshalb am Kern vorbeischauen. Entscheidend ist nicht nur, dass Geld fließt. Entscheidend ist, warum es fließt – und wer wirtschaftlich dahintersteht.
Und mein Senf
Bei Bilanzfälschung denken viele an erfundene Rechnungen, geheime Nebenbücher oder Zahlen, die jemand nachts in eine Excel-Tabelle tippt. Das ist fast schon die grobe Variante. Eleganter ist es, einer echten Zahlung einfach ein neues Trikot anzuziehen: Aus Eigentümergeld wird Sponsoring, aus Finanzierung wird Umsatz und aus einem abhängigen Geschäftsmodell auf dem Papier eine Erfolgsmaschine.
Gerade dieser Fall zeigt, warum solche Manipulationen alles andere als ein akademisches Rechnungslegungsthema sind. Wenn bessere Zahlen zusätzlichen finanziellen Spielraum schaffen, dieser Spielraum in Spieler investiert wird und diese Spieler anschließend Meisterschaften gewinnen, landet die Bilanz irgendwann dort, wo man sie eigentlich am wenigsten erwartet: auf dem Rasen.
Und deshalb sollte die entscheidende Frage nicht lauten: Ist das Geld geflossen? Sondern: Ist die Geschichte, die uns zu diesem Geld erzählt wird, wirtschaftlich überhaupt glaubwürdig? Im Fußball wie im Unternehmen gilt: Ein schönes Ergebnis auf der Anzeigetafel ist wenig wert, wenn vorher an den Zahlen gedreht wurde.
Lesen Sie hierzu auch:
- Finanzskandal um Manchester City/Presse: „Englischer Fußball ist irreparabel beschädigt“ (zdfheute.de)
- Manchester City in Finanzaffäre schuldig gesprochen (zdfheute.de)
- Premier League spricht ManCity in Finanz-Affäre schuldig (handelsblatt.com)