Digitalisierung von Steuerkanzleien – Chancen und Ängste

Digitalisierung? Ja bitte! Meinen ersten Beitrag im NWB Experten-Blog möchte ich gerne DEM Thema der zukunftssicheren Steuerberatung widmen. Langfristig kommt niemand daran vorbei, da klassische Deklarationsarbeiten mehr und mehr in den Hintergrund rücken und im Gegenzug der Fokus mehr auf die betriebswirtschaftliche Beratung gelegt werden sollte.

Meiner Meinung nach ist die Digitalisierung auch überhaupt keine Sache des Alters: Während so manch „älterer“ Kollege bereits das papierlose Büro lebt, gibt es z.B. immer wieder jüngere Menschen, die sich mit der Entwicklung im beruflichen Kontext nur schwer anfreunden können.

Mandanten einbeziehen und den Weg gemeinsam gehen

Ich denke, dass die Schwierigkeit auf dem Weg in eine digitale Zukunft für uns Berater darin besteht, die Chancen der Digitalisierung möglichst effizient zu nutzen und gleichzeitig die persönliche Seite der Steuerberatung nicht zu vernachlässigen. So mancher Mandant hat vielleicht Angst davor, den persönlichen Austausch mit seinem Steuerberater als Ansprechpartner zu verlieren. Was tun? Nur weil man in der laufenden steuerlichen Zusammenarbeit digitale Wege geht und damit beide Seiten von der lästigen „Zettelwirtschaft“ entlastet, bedeutet das ja nicht, dass man keine individuelle, persönliche Beratung – egal ob in Terminen vor Ort oder per Videokonferenz – mehr anbietet. Diese Angst sollte man den Kunden nehmen und sie stattdessen von den Vorzügen der Digitalisierung überzeugen. Denn so kommt man im besten Fall zu der Win-Win-Situation, in der die Steuerkanzlei effizienter arbeiten kann und der Kunde am Ende von qualitativ hochwertigeren Ergebnissen profitiert.

Mitarbeiter mit ins Boot holen und weiterbilden

Aber nicht nur Mandanten – nein, auch Mitarbeiter können sich von der Digitalisierung bedroht fühlen. Das ist schade, denn auch für sie sehe ich auf diesem Weg einen deutlichen Zugewinn. Vielleicht fallen manche Tätigkeiten aus der Vergangenheit weg – aber ist es nicht schön, keine Kontoauszüge mehr abzutippen oder Belege aus Schuhkartons zu stempeln? Außerdem öffnen sich dadurch meiner Meinung nach sehr viel spannendere Tätigkeitsfelder, wie beispielsweise die Prozessoptimierung beim Mandanten vor Ort. Darüber hinaus bleibt mehr Zeit für proaktive betriebswirtschaftliche Beratung. Ich denke, dass sich die Arbeit aller verändert – aber ins Positive!

Glücklicherweise wird auch aus fachlicher Sicht in Sachen Ausbildung der Mitarbeiter nachgebessert. Die im Jahr 2019 gestartete Weiterbildung zum „Fachassistenten Rechnungswesen und Controlling (FARC)“ nutzt unter anderem die durch die Digitalisierung geschaffenen technischen Voraussetzungen der Datenanalyse, sodass geschulte Mitarbeiter (gemeinsam mit dem Steuerberater) Mandanten eine optimale betriebswirtschaftliche Beratung liefern können. Zudem wurde in der 102. Bundeskammerversammlung beschlossen, den „Fachassistenten Digitalisierung und IT-Prozesse (FAIT)“ einzuführen. Diese Fortbildung soll IT-affinen Mitarbeitern die Chance geben, ihre Kompetenzen in Sachen digitale Prozesse auszubauen und dadurch sowohl die Arbeitsabläufe in der Kanzleiorganisation als auch beim Mandanten durch die gezielte Nutzung von Datenflüssen und Schnittstellen zu verbessern. Die ersten Prüfungen starten voraussichtlich im März 2022.

Stolpersteine auf dem Weg in die digitale Steuerberatung

Bei aller Euphorie für die Digitalisierung der Steuerberatung muss natürlich auch die digitale Infrastruktur in allen Bereichen mitziehen. Leider tauchen auf dem Weg immer wieder Stolpersteine auf. So schafft es zum Beispiel auch im Jahre 2020 noch nicht jeder (größere) Lieferant oder Geschäftspartner auf Wunsch des Kunden seine Rechnungen per E-Mail zu versenden. Dadurch rückt die Vorstellung von rundum digitalen Datenflüssen in weite Ferne. Um trotzdem einen Schritt in die digitale Zukunft zu gehen, denken sowohl Kanzleien als auch Mandanten vielleicht über eine Investition in teure Hochleistungsscanner nach.

Die Investitionen in digitale Technologien und in die damit zusammenhängende Qualifizierung der Mitarbeiter ist im Grunde eine gute Idee, sie wird sogar staatlich gefördert. So weit so gut – leider gestaltet sich die Antragsstellung in der Praxis oft schwieriger als gedacht. Da war beispielsweise das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie technisch nicht gut genug aufgestellt, um lange Ladezeiten und Fehlermeldungen im Antragsportal zu vermeiden. Letztendlich war das Kontingent innerhalb von Sekunden aufgebraucht. Fühlt sich fast an, als würde man ein heiß begehrtes Festivalticket kaufen wollen! Vielleicht klappt es im nächsten Monat… Ähnliche Szenarien spielen sich leider auch beim Online-Antrag der Überbrückungshilfen ab. Hoffen wir darauf, dass solche technischen Probleme irgendwann der Vergangenheit angehören!

Fazit

Trotz aller Schwierigkeiten bin ich gespannt auf die Zukunft der Steuerberatung und freue mich darauf, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und etwaigen Ängsten mit entsprechenden Lösungen zu begegnen.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Wir behalten uns die Löschung unangemessener Kommentare vor. Ebenso, wenn diese offensichtlich nicht mit Klarnamen/-Mail verfasst wurden. Erforderliche Felder sind markiert *

+ 82 = 86