Vom Einzelfall zum Vertrauensproblem

Warum die BaFin-Prüfung bei Gerresheimer größere Fragen aufwirft.

Die BaFin weitet ihre Bilanzprüfung bei Gerresheimer deutlich aus. Was mit der Prüfung einzelner Umsätze begann, betrifft inzwischen Leasingverbindlichkeiten, aktivierte Entwicklungskosten, mögliche Wertminderungen und sogar die Risikoberichterstattung. Der Fall zeigt exemplarisch, wie schnell aus technischen Bilanzierungsfragen ein grundlegendes Glaubwürdigkeitsproblem entstehen kann.

Was passiert ist

Beim Verpackungshersteller Gerresheimer spitzt sich die Bilanzaffäre weiter zu. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat angekündigt, ihre bereits laufende Prüfung des Konzernabschlusses 2023/2024 erheblich auszuweiten und zusätzlich den Halbjahresbericht 2024/2025 einzubeziehen.

Ausgangspunkt der Untersuchung waren sogenannte Bill-and-Hold-Umsätze. Dabei werden Umsätze bilanziert, obwohl die Ware noch nicht ausgeliefert wurde. Gerresheimer räumte inzwischen Fehler ein und kündigte an, entsprechende Umsätze in Höhe von 28 Mio. Euro zu korrigieren sowie künftig auf solche Vereinbarungen zu verzichten.

Mittlerweile richtet sich der Blick der Aufsicht jedoch auf mehrere weitere Bilanzierungsbereiche.

Die BaFin sieht konkrete Anhaltspunkte dafür, dass

  • Leasingverbindlichkeiten in Höhe von 65,5 Mio. Euro möglicherweise fehlerhaft dargestellt wurden,
  • aktivierte Entwicklungskosten mit einem Buchwert von 29,4 Mio. Euro nicht korrekt hinsichtlich ihrer Nutzungsdauer angesetzt sein könnten,
  • Vermögenswerte des Segments Advanced Technologies möglicherweise wertgemindert waren, ohne dass entsprechende Abschreibungen vorgenommen wurden.

 

Insbesondere mögliche Abschreibungen bei der Sensile Medical AG stehen im Raum. Für den Konzernabschluss 2025 hat das Unternehmen bereits Wertminderungen zwischen 220 und 240 Mio. Euro angekündigt.

Darüber hinaus prüft die BaFin offenbar auch die Risikoeinschätzung im Zusammenhang mit der vollständig fremdfinanzierten Übernahme von Bormioli Pharma.Trotz Bridge-Loan-Finanzierung wurden Liquiditäts- und Akquisitionsrisiken weiterhin als gering eingestuft.

Parallel dazu hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz angekündigt, mögliche Schadensersatzansprüche gegen frühere Organmitglieder prüfen zu lassen. Die Aktie reagierte entsprechend deutlich und hat innerhalb eines Jahres massiv an Wert verloren.

Und mein Senf dazu

Was hier passiert, ist kein gewöhnlicher Bilanzierungsstreit mehr. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie aus einzelnen Auffälligkeiten Schritt für Schritt Zweifel am gesamten Zahlenwerk entstehen.

Bilanzprobleme treten selten isoliert auf. Wenn eine Aufsicht beginnt, tiefer zu prüfen, zeigt sich häufig ein Muster: Umsatzrealisierung, Bewertung von Vermögenswerten, Aktivierungen und Risikoberichterstattung hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick scheint.

Besonders aufmerksam macht mich der Prüfpunkt aktivierte Entwicklungskosten. Dieses Thema war Gegenstand meiner Doktorarbeit, und gerade deshalb weiß ich, wie groß die Ermessensspielräume in diesem Bereich sind. Die Aktivierung von Entwicklungskosten ist kein rein technischer Vorgang. Sie basiert auf Prognosen über zukünftige wirtschaftliche Vorteile, Nutzungsdauern und Markterfolg. Genau dort entstehen die größten Bewertungsrisiken.

Aktivierte Entwicklungskosten wirken zunächst harmlos. Tatsächlich verschieben sie jedoch Aufwand in die Zukunft und stabilisieren kurzfristig das Ergebnis. Werden Nutzungsdauern zu optimistisch angesetzt oder wirtschaftliche Risiken zu spät berücksichtigt, entsteht ein verzerrtes Bild der Ertragslage. Die eigentliche Korrektur erfolgt dann meist über spätere Wertminderungen – häufig abrupt und in großer Höhe.

Dass nun gleichzeitig mögliche Wertminderungen, Entwicklungskosten und Risikoeinschätzungen geprüft werden, ist deshalb kein Zufall. Diese Themen gehören wirtschaftlich zusammen. Sie spiegeln letztlich dieselbe Frage wider: Wie realistisch waren die zugrunde liegenden Annahmen des Managements?

Besonders kritisch erscheint dabei die Kombination aus ambitionierter Akquisitionsstrategie, Fremdfinanzierung und gleichzeitig niedriger Risikoeinstufung. Gerade nach größeren Übernahmen zeigt sich regelmäßig, dass Integrationsrisiken und Marktannahmen unterschätzt wurden. Wenn Abschreibungen erst Jahre später erfolgen, ist das selten eine plötzliche Entwicklung, sondern meist das Nachholen längst vorhandener Erkenntnisse.

Für Aufsichtsräte und Prüfungsausschüsse ist der Fall eine deutliche Mahnung. Die entscheidende Aufgabe besteht nicht darin, Bilanzierungsregeln formal abzunicken. Entscheidend ist das kritische Hinterfragen der Annahmen hinter den Zahlen.

Und für Anleger gilt einmal mehr: Vertrauen geht nicht durch einen einzelnen Fehler verloren, sondern durch eine Kette von Korrekturen. Wenn aus einer begrenzten Bilanzprüfung immer neue Prüfungsfelder entstehen, ist das meist kein Zufall, sondern ein Warnsignal.

Weitere Informationen:

Gerresheimer AG: BaFin kündigt Erweiterung der Prüfung des Konzernabschlusses 2024 sowie die Einleitung einer Prüfung des Halbjahresfinanzberichts 2025 an (eqs-news.com)

 

Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker

    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
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    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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