Warum ausgerechnet Volkswagen 2025 mit 6 Mrd. € Liquidität überrascht – und weshalb das kein Grund zur Entwarnung sein muss.
Volkswagen hatte für 2025 im Automotive-Bereich mit einem Netto-Cashflow nahe null gerechnet. Nun stehen vorläufig rund 6 Mrd. € im Raum – deutlich mehr Liquidität als erwartet. Klingt nach einer guten Nachricht. Oder nach einem Warnsignal mit System.
Cashflow-Überraschung mit Beigeschmack – was ist passiert?
Die Abweichung ist erheblich: Noch im Herbst 2025 ging der Konzern von einem Netto-Cashflow um die Nulllinie aus. Tatsächlich wurden vorläufig rund 6 Mrd. € erreicht, während die Nettoliquidität auf über 34 Mrd. € stieg – und damit klar über den eigenen Erwartungen lag.
Die Ursachen wirken zunächst unspektakulär, sind analytisch jedoch hoch relevant:
- Freisetzung von Working Capital
Geringere Lagerbestände, schnellere Zahlungszuflüsse und effizienteres Forderungsmanagement setzen Liquidität frei – ohne dass sich die operative Ertragskraft zwingend verbessert. - Niedrigere Investitionen in Sachanlagen und F&E
Investitionen blieben hinter den Planungen zurück. Kurzfristig stärkt das den Cashflow, langfristig kann es jedoch die Wachstumsbasis schwächen. Die Investitionsquote liegt vorläufig nur bei rund 12 % der Umsatzerlöse – spürbar unter dem Niveau der Vorjahre. Gerade vor dem Hintergrund eines Automobilumsatzes in dreistelliger Milliardenhöhe ist diese Differenz ökonomisch alles andere als marginal. - Strikte Kosten- und Lagerdisziplin – mit Q4-Effekt
Hinzu kommt ein typisches Muster aus der Kapitalmarktforschung: Steuerungsmaßnahmen bei Ergebnis und Cashflow konzentrieren sich häufig auf das vierte Quartal, wenn Zielerreichung und Bonusrelevanz sichtbar werden. Der starke Jahresschluss wirkt daher weniger wie strukturelle Stärke, sondern eher wie ein klassischer Endspurt.
Damit deutet vieles darauf hin, dass der starke Cashflow weniger strukturell als vielmehr zeitlich bedingt ist – also eher Ergebnis verschobener Mittelabflüsse als Ausdruck höherer Ertragskraft.
Ein Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit:
Seit 2024 ist der Netto-Cashflow der Automotive-Division eine direkte Steuerungs- und Vergütungskennzahl im Management, mit erheblichem Gewicht innerhalb der finanziellen Zielgrößen. Damit wird der Unterschied zwischen 0 € und 6 Mrd. € nicht nur bilanziell, sondern auch vergütungsseitig relevant.
Ökonomisch formuliert:
Wenn Kennzahlen über Boni entscheiden, steigt der Anreiz, genau diese Kennzahlen zu steuern.
Und mein Senf dazu
Mehr Liquidität ist zunächst eine gute Nachricht – gerade in einer Branche im Umbruch. Ein komfortabler Cash-Puffer verschafft Zeit, Handlungsspielraum und Ruhe gegenüber Kapitalmarkt und Kreditgebern. Aber: Cashflow ist nicht gleich Stärke.
Wenn Liquidität vor allem durch geringere Investitionen entsteht, wird aus der guten Nachricht schnell eine strategische Frage. Eine Investitionsquote von nur 12 % mag kurzfristig den Cashflow schonen – in einer Industrie im radikalen Transformationsdruck ist sie jedoch vor allem eines: auffällig niedrig.
Brisant wird das Ganze durch die Vergütungslogik. Steht der Netto-Cashflow im Zentrum der Managementanreize, können kurzfristige Liquiditätseffekte ökonomisch attraktiver erscheinen als langfristige Investitionen. Genau hier liegt das Spannungsfeld zwischen Bonus-Logik und Transformationsnotwendigkeit.
Der starke Cashflow wirkt deshalb weniger wie ein Zeichen operativer Stärke, sondern eher wie das Ergebnis eines perfekt getimten Jahresendspurts:
Heute bessere Kennzahlen – morgen womöglich höherer Investitionsbedarf.
Gerade im Kontext der Elektromobilität ist das ambivalent: Heute mehr Geld in der Kasse – morgen vielleicht weniger Wettbewerbsfähigkeit.
Die entscheidende Analysefrage lautet deshalb nicht: Warum ist der Cashflow 2025 so hoch? Sondern: Wie nachhaltig ist ein Cashflow, der im vierten Quartal entsteht, Investitionen drückt – und zugleich die Vergütung verbessert?
Der Geschäftsbericht im März dürfte zeigen, ob wir es mit einem echten Stärkezeichen zu tun haben – oder nur mit einer gut aussehenden Momentaufnahme.