Bilanzskandal Wirecard: Und plötzlich betrat Dan McCrum den Raum

Meine Anhörung im Untersuchungsausschuss des Bundestages am 5. November 2020

Wie war es im Untersuchungsausschuss? Diese Frage wurde mir in den letzten vier Wochen häufig gestellt. Dies hat mich veranlasst, über meine Eindrücke nun zu berichten. Da die Sitzung nicht-öffentlich war, wollte ich mich nicht früher dazu äußern. Es wurde mir zwar freigestellt, ob ich mich dazu öffentlich äußere, oder nicht. Dennoch gab es die Bitte, damit zu warten, bis dies seitens des Untersuchungsausschusses geschehen ist. Dieser Bitte wollte ich nachkommen.

Ein ereignisreicher Tag für mich

Diesen Tag werde ich so schnell nicht vergessen. Es war nicht nur sehr eindrucksvoll, den Erzählungen von Dan McCrum zu lauschen. Ebenso wurde mir beim Betreten des Bundestages bewusst: Ich bin nicht nur eine Besucherin, die beim Know-how Transfer der Wirtschaftsjunioren einen Bundestagsabgeordneten bei seiner Arbeit begleitet. Denn dies war mein letzter Besuch im Bundestag.

Ich kann mich noch genau erinnern: Während meines Studiums war ich beeindruckt von einem meiner Professoren, der bei Änderungen des Steuergesetzes immer mal wieder im Bundestag war. Als ich meinen Personalausweis beim Eintritt in das Paul-Löbe-Haus vorlegte, erinnerte ich mich daran. Und nun wurde ich selbst zur Anhörung als Sachverständige vom Bundestag geladen. Genauer gesagt, vom Untersuchungsausschuss zu Causa Wirecard. Wenn mir dies jemand vor einem Jahr gesagt hätte, ich hätte ihn für verrückt erklärt.

Doch nun der Reihe nach. Die Sitzung begann mittags gegen halb zwei, direkt nach meiner Anreise in Berlin. Ich hatte also bereits eine lange Fahrt hinter mir, denn mein zu Hause ist in Baden-Württemberg. Aufgrund der Abstandsregelungen saß ich in einem anderen Raum als die Mitglieder des Untersuchungsausschusses. Es folgte eine Video-Übertragung.

Die Sitzung beginnt gleich…

Kurz bevor die Sitzung eröffnet wurde, betrat Dan McCrum den Raum. Für viele mag der Finanzjournalist der Financial Times einfach ein guter Journalist sein. Doch ich war bereits seit langer Zeit sehr beeindruckt von seiner Arbeit.

Was mich bei Dan McCrum am meisten beeindruckte? Er wirkte während der Sitzung sehr bescheiden. Dies spiegelte sich auch in seinen Erzählungen wider. Es war faszinierend. Auch wenn sich mittlerweile teilweise etwas Müdigkeit durch den langen Tag bereits zeigte lauschte ich gespannt seinen Erläuterungen. Seine Befragung dauerte ungefähr fünf Stunden. Er berichtete unter anderem davon, dass 28 Privatdetektive im Auftrag von Wirecard sich um ihn und seine Kollegen „kümmerten“. Davon, wie er in dauernder Angst lebte, verfolgt zu werden und immer andere U-Bahn-Stationen nutzte. Wie er an den Wirecard-Beiträgen in einem fensterlosen Raum arbeitete, ohne Internetzugang am Computer.

Die Erläuterungen von Dan McCrum waren für mich nicht neu. Denn schließlich hatte ich mich schon einige Zeit sehr intensiv mit Wirecard beschäftigt. Und auch den Beiträgen in der Financial Times. Doch war es sehr beeindruckend, dies direkt von Dan McCrum zu hören. Seine Aussagen wären sicherlich auch für die interessierte Öffentlichkeit spannend gewesen. Schade, dass dies nicht möglich war.

Ich bin an der Reihe

Gegen halb zehn oder zehn Uhr abends – so genau weiß ich dies nicht mehr, war es endlich soweit. Prof. Dr. Annette Köhler und ich wurden zur Befragung in den Raum der Abgeordneten begleitet. Als ich auf dem Stuhl Platz nahm, spürte ich meine Aufregung. Aber ich dachte auch: Du hast dich sehr intensiv mit dem Fall beschäftigt, du bist kompetent in deinem Bereich. Ansonsten hättest du keine Einladung zur Anhörung als Sachverständige erhalten.

Nachdem wir beide unser Statement abgegeben hatten, folgten die Fragen der Abgeordneten. Da ich so oft gefragt wurde, hier die Beschreibung des Ablaufs: Von jeder Partei dürfen zwei Minuten lang Fagen gestellt werden. Wenn alle Abgeordneten ihre zwei Minuten Redezeit hatten, werden diese alle in einem Rutsch beantwortet. Da wir zu zweit waren, teilten sich die Fragen zwischen uns auf. Eine solche Fragerunde konnte auch ein bis zwei Stunden dauern.

Mein Eindruck war: Die Abgeordneten waren sehr gut auf die Sitzung vorbereitet. Ich hatte vorab ein Handout sowie einige meiner Interviews an den Untersuchungsausschuss übermittel, damit sich diese vor oder auch während der Sitzung ein Bild von mir, meinen Kompetenzen und vor allem auch meinem Statement machen konnten, denn ich hatte in den letzten Monaten nicht nur viele Interviews gegeben, sondern auch zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften verfasst.

Neben Fragen zum Fall Wirecard wollten die Abgeordneten auch unsere Auffassung zu einzelnen Reformvorschlägen wissen. Es war für mich sehr spannend, die Meinung von Frau Köhler zu erfahren. Denn durch ihre Expertise als Prüfungsausschussvorsitzende konnte ich einiges von ihr lernen und mitnehmen.

Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Fragerunden es waren. Doch gegen halb zwei Uhr – morgens! – wurde die Sitzung geschlossen. Sicherlich hören sich zwölf Stunden sehr viel an. Doch die Zeit verflog sehr schnell. Nur die Müdigkeit und mein Magen erinnerten mich daran, dass ich schon sehr viele Stunden auf den Beinen war. Mehr s ein 16-Stunden-Tag.

Es waren zwei eindrucksvolle Tage, an die ich mich auch in vielen Jahren noch erinnern werde. Die Mühe und Arbeit der letzten Jahre haben sich gelohnt. Denn weder eine Dissertation noch meine zahlreichen Bücher und Fachbeiträge schreiben sich leicht nebenher. Ganz abgesehen von der Fachexpertise, die ich mir mühsam aufgebaut habe. Mein Doktorvater würde sich darüber sicherlich freuen, denn von ihm habe ich vieles gelernt.

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