Digitale Prüfungsvorbereitung in der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat auch die Kursanbieter vor große Herausforderungen gestellt. In Zeiten von Homeoffice, Quarantäneverfügungen, Kontakt- und Veranstaltungsverboten war es zeitweise fraglich, wenn nicht gar unmöglich, Präsenzkurse überhaupt anzubieten. Für Prüfungskandidaten mit Kindern war oftmals bis zu den Sommerferien der Besuch von Präsenzkursen angesichts geschlossener Kitas und Schulen organisatorisch gar nicht möglich.

Zeitgemäße Lehrgangsformate erforderlich

Gut beraten war man als Lehrgangsanbieter, wenn man sich schon frühzeitig vor der Corona-Krise auf die veränderten (Lern-) Bedürfnisse eingestellt hat, denn die Digitalisierung ist nicht erst seit der Corona-Pandemie auch in der Prüfungsvorbereitung ein zentrales Thema. Schon seit längerem fordern die Teilnehmer zeitgemäße Lehrgangsformate auch in der Prüfungsvorbereitung. Gefragt sind möglichst kleine Lerneinheiten auf verschiedenen Kanälen: Hören, Sehen, Sprechen, Mitmachen… Lernen darf nicht als lästige Pflicht, sondern soll vielmehr als multimediales Erlebnis mit größtmöglicher Flexibilität wahrgenommen werden. Weniger Text und mehr Schemata, der Lernstoff soll eher konsumiert als erarbeitet werden.

Dadurch entsteht aber auch ein Spannungsfeld zwischen dem Anspruch des Lehrgangsanbieters einer zeitgemäßen – also digitalen – und gleichzeitig „prüfungsnahen“ Vorbereitung. Die Steuerberaterprüfung besteht beispielsweise aus drei sechsstündigen Klausuren, die an drei aufeinanderfolgenden Tagen seit vielen Jahrzehnten unverändert mit Stift und Papier geschrieben werden. In den Prüfungsaufgaben geht es um komplexe Sachverhalte, deren Bewältigung ein langes Training erfordert, nicht nur intellektuell, sondern auch physisch, da in der Praxis immer weniger handschriftlich gearbeitet wird und die Klausurbearbeitungen nicht selten mehr als 50 Seiten umfassen.

Digitale Wissensvermittlung als Herausforderung

Die Digitalisierung stellt die Kursanbieter nicht nur vor finanzielle und technische Herausforderungen, darüber hinaus müssen sie insbesondere über Dozenten verfügen, die sich ohne Scheu auf das digitale Abenteuer einlassen und neue Lehrmittel und Unterrichtsformen wie Tablets, Webinare und Livestreams einsetzen, um nur einige zu nennen. Gerade im Steuerrecht ist es eine besondere Herausforderung, komplexe Themen so aufzubereiten, dass dem Lernenden das notwendige strukturierte Wissen auch in digitaler Form vermittelt wird, ganz zu schweigen von der richtigen Klausurtechnik.

Motivation durch interaktive Elemente

Da in diesen Formaten insbesondere der persönliche Kontakt der Teilnehmer zum Dozenten sehr eingeschränkt ist und das Gefühl der „Leidensgemeinschaft“ eines Präsenzkurses fehlt, muss der Unterricht so aufbereitet werden, dass der Teilnehmer auch über einen längeren Zeitraum hinweg motiviert mitarbeitet. Dies gelingt nur, indem der Lehrstoff und dessen Vermittlung mit interaktiven Elementen gestaltet wird, bei dem der Lernende nicht einfach nur von der Stimme des Dozenten „berieselt” wird, sondern sich aktiv in den digitalen Unterricht einbringen kann. Wenn diese Angebote bestehen, werden sie auch rege angenommen: Unsere Erfahrungen zeigen, dass im Vergleich zum Präsenzunterricht die Teilnehmer bis zu viermal so viele Beiträge liefern, wenn dieselbe Veranstaltung als Live-Online-Training mit Feedback- und Interaktionsmöglichkeiten durchgeführt wird.

Die größere Anonymität ermutigt die Teilnehmer zudem, schneller und häufiger Fragen zu stellen, Damit der Unterricht für alle Teilnehmer einen didaktischen Wert hat und der Dozent sich auf die Stoffvermittlung konzentrieren kann, ist es sinnvoll, die Teilnehmerbeiträge – die manchmal auch lediglich Kommentare zum Unterricht darstellen – vorab für den Dozenten zu filtern, z. B. durch den Einsatz von fachlich versierten Co-Moderatoren, die während des Live-Online-Trainings auch inhaltliche Fragen der Teilnehmer beantworten. Damit ist auch der Kontakt des Lernenden zum Dozenten und zur Gruppe hergestellt. Auch die für das Selbststudium konzipierten Lehrmaterialien sollten mit zahlreichen Übungsfällen und Lehrvideos durchsetzt sein, um die Eintönigkeit langer Texte am Computer zu durchbrechen und dem Lernenden Interaktionsmöglichkeiten und somit ein digitales Erfolgserlebnis zu verschaffen.

Digitales Lernen in der Krise

Ein schlüssiges und durchgängiges digitales Vorbereitungskonzept bietet den Kursanbietern die Möglichkeit, auf alle denkbaren Entwicklungen reagieren zu können, ohne Einschränkungen an der Qualität und am Umfang ihres Lehrangebotes hinnehmen zu müssen. Den Teilnehmern gibt die Möglichkeit, ihre gesamte Prüfungsvorbereitung auch in Krisenzeiten bei Bedarf vollumfänglich mit digitalen Medien absolvieren zu können, ein Höchstmaß an Sicherheit, das für die Vorbereitung auf die Prüfung und die erforderliche Konzentration entscheidend ist. Vielen Teilnehmern wäre in Zeiten von Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen ohne die Möglichkeiten der digitalen Prüfungsvorbereitung eine Teilnahme an der diesjährigen Steuerberaterprüfung nicht möglich gewesen.

Der Umstieg auf die digitalen Unterrichtskonzepte birgt allerdings auch Herausforderungen für die Teilnehmer. Die Verlagerung der beruflichen Tätigkeit in die eigene Wohnung, oftmals kombiniert mit Kinderbetreuung und Homeschooling, stellen die häusliche Ruhe und Konzentration auf eine harte Probe. Wer im Homeoffice arbeitet, hat oftmals bereits viele Stunden am Computer verbracht, bevor er mit dem Lernen auf die Prüfung beginnen kann. Außerdem ist Selbstdisziplin gefragt: Schnell mal auf Instagram neue Stories zu checken oder der Gang zum Kühlschrank erscheint zuweilen attraktiver als die Voraussetzungen für die Wirksamkeit eines Einspruchs nach den Vorschriften der AO zu pauken.

Hochwertiges Konzept erforderlich

Wenn es dem Lehrgangsanbieter gelingt, durch ein stringentes und qualitativ hochwertiges Konzept, das auf die speziellen Anforderungen des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien abgestimmt ist, den vermeintlichen Nachteil der fehlenden räumlichen Präsenz auszugleichen, stellt diese Unterrichtsform eine absolut gleichwertige Alternative zu einer klassischen Prüfungsvorbereitung in Präsenzkursen dar. Die Corona-Krise hat den Digitalisierungsprozess auch in der Prüfungsvorbereitung unerwartet beschleunigt und die Akzeptanz, digital zu lehren und zu lernen bei allen Beteiligten deutlich erhöht. Dozenten, die sich früher ausschließlich im Präsenzunterricht sahen, entwickelten sich zu Leinwandhelden, aus E-Learning-Phobikern wurden Digitalprofis. Abzuwarten bleibt, ob sich die Digitalisierung des Steuerberaterexamens selbst einem ebenso raschen Wandel unterziehen wird – im Juristischen Staatsexamen gibt es dazu bereits die ersten Schritte.


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