Schon wieder standen die Bänder still – Single Sourcing als Risiko auch bei BMW

Vor einiger Zeit hatte ich in einem Blog anlässlich des Lieferstopps eines VW-Zulieferers mit der Folge der Produktionseinstellung die Risikoberichterstattung zu Belieferungsrisiken bei Volkswagen untersucht. Der Blick in den Lagebricht führte dabei zu einem eher traurigen Ergebnis. Das Thema ist jedoch losgelöst von VW relevant, wie man an aktuellen Produktionseinschränkungen bei BMW feststellen kann, die wohl auch in diesem Fall durch ein Lieferproblem des einzigen Lieferanten (Single Sourcing) für ein Teil verursacht wurden. Im Anschluss an den VW-Fall hatte ich eine Auswertung der Lageberichte deutscher Unternehmen im Hinblick auf Belieferungsrisiken vorgenommen. Was hat diese Auswertung ergeben?

Untersuchungsgegenstand der in der NWB Internationale Rechnungslegung (PIR) veröffentlichten Untersuchung war der Lagebericht der Dax30-Unternehmen 2015. Dabei fanden sich 23 Unternehmen, die über Beschaffungsrisiken berichtet hatten. Bei den verbleibenden Unternehmen deutete die Art der Geschäftstätigkeit insbesondere im Finanzdienstleistungssektor auf eine fehlende Relevanz von Beschaffungsrisiken hin. Beschaffungsrisiken wurden danach bspw. bezeichnet als

• Risiko bei Beschaffung/Einkauf,
• Risiko bezüglich Liefertreue/Lieferanten,
• Risiko aus Lieferkette,
• Preis-/Kostenrisiko,
• Abhängigkeitsrisiko,
• Markenrisiko.

Als Ursachen für die Risiken wurden vornehmlich die Preisentwicklung und die Qualität und Sicherheit der Zuliefergüter genannt. Unter verschiedenen Bezeichnungen fanden sich aber auch Hinweise auf Belieferungsrisiken, wie etwa Leistungsausfall des Lieferanten, Unfälle und Katastrophen beim Lieferanten. Die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten wurde nur in 6 Fällen deutlich adressiert. Daneben wurden auch Imagerisiken angesprochen.

Spricht man mit Brancheninsidern gerade der Automobilindustrie wird das Problem möglicher Belieferungsausfälle als relevant eingeordnet. Sicher stark getrieben von Kostenüberlegungen scheint es u.a. dort immer wieder eine Beschränkung auf einzelne Lieferanten zu geben. Auch technologische Gründe können eine Rolle spielen, wenn nur ein Lieferant über das Knowhow für die Fertigung verfügt oder Schutzrechte geltend machen kann. Berücksichtigt man die fünfstellige Teilezahl eines modernen PKW, kann man sich leicht vorstellen, wie gefährlich es ist, sich bei der Beschaffung auf einzelne Lieferanten zu verlassen. Hinzu kommt die komplexe Lieferkette in vielen Fällen, wo der eigentliche Zulieferer selbst wieder Sublieferanten hat, wie es auch im BMW-Fall zu sein scheint. Sind das wiederum exklusive Unterlieferanten, vergrößert sich das Problem weiter.

Für den Leser des Lageberichts eines Unternehmens ist es nicht nur von Interesse über die Existenz eines abstrakten Risikos informiert zu werden, sondern auch die Bedeutung des Risikos ist hier von Relevanz. Die empirische Auswertung zeigte bezüglich der Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeiten der Beschaffungsrisiken ein sehr heterogenes Bild vom Fehlen konkreter Angaben über eher allgemeine Angaben bis hin zur Angabe konkreter Wahrscheinlichkeiten in Intervallen. Zu den möglichen finanziellen Folgen bei Verwirklichung der Risiken waren die Angaben ähnlich heterogen. Die von den Unternehmen genannten Maßnahmen waren ebenfalls sehr heterogen, Die Vermeidung von Single Sourcing hatten nur 6 Unternehmen genannt.

Besonders interessant am aktuellen Fall ist, dass gerade BMW im Rahmen der empirischen Auswertung als ein Beispiel für eine im Vergleich bessere Berichterstattung genannt wurde, wenn auch hier von einem Steigerungspotenzial auszugehen ist. Insoweit waren die Adressaten des Lageberichts von BMW grundsätzlich gut über die Existenz von Beschaffungsrisiken informiert. Nur haben die vielen von BMW genannten Maßnahmen zur Reduzierung von Beschaffungsrisiken im aktuellen Fall nichts genutzt. Lieferausfall bei Single Sourcing lässt sich nicht völlig verhindern. Am Ende kann Single Sourcing durchaus teuer werden. Mögliche Schäden durch Lieferausfall sollten also bei der Kalkulation berücksichtigt werden, wenn es um die Vorteilhaftigkeit von Single Sourcing geht. Immerhin handelt es sich im Fall BMW bei dem Lieferanten mit Bosch um ein wirtschaftlich potentes Unternehmen, weswegen BMW schon einmal einen Anspruch auf Schadensausgleich in den Raum gestellt hat.

Weitere Informationen:

Update: Lieferproblem offenbar gelöst (FAZ.net, zuletzt abgerufen am 31.05.2017)
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/elektrische-lenkungen-bosch-das-lieferproblem-bei-bmw-ist-geloest-15040488.html

Beschaffungsrisiko bei Volkswagen im Lagebericht (nwb-experten-blog)

Mujkanovic, Beschaffungsrisiken im Lagebericht – eine empirische Auswertung (PIR 2017, S. 21 ff., kostenpflichtig)

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