Volkswagen – warum der Gewinneinbruch nur die halbe Geschichte ist

Die neuen Zahlen der Volkswagen AG zeigen einen deutlichen Gewinneinbruch. Doch wer nur auf das Ergebnis schaut, greift zu kurz. Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt: Hinter den Zahlen stehen nicht nur Sondereffekte – sondern auch interessante Entwicklungen bei den Forschungs- und Entwicklungskosten.

Der Ergebniseinbruch hat mehrere Ursachen

Beim Umsatz scheint zunächst alles im Rahmen. Die Umsatzerlöse gingen lediglich um 0,8 % zurück, während die Kosten der Umsatzerlöse um rund 2 % gestiegen sind. Die eigentliche Überraschung zeigt sich jedoch beim Ergebnis. Das operative Ergebnis fällt von 19 Mrd. € auf 9 Mrd. € – und damit fast um die Hälfte.

Ein wesentlicher Treiber sind Sondereffekte rund um die Sportwagentochter Porsche AG. Dazu gehören insbesondere eine Goodwill-Abschreibung von 2,7 Mrd. € sowie Wertberichtigungen und Rückstellungen im Zusammenhang mit einer Neuausrichtung der Produktstrategie. Strategische Anpassungen, Modellzyklen oder technologische Umbrüche schlagen sich häufig direkt im Ergebnis nieder.

Spannend ist deshalb der Blick auf den operativen Cashflow. Hier sind die Schwankungen deutlich geringer als beim Ergebnis. Das ist ein typisches Muster: Während der Gewinn stark durch Bewertungen, Rückstellungen oder Abschreibungen beeinflusst wird, zeigt der Cashflow eher die tatsächliche operative Leistungsfähigkeit.

Entwicklungskosten: Weniger Aktivierung, mehr Ergebnisbelastung

Besonders interessant ist eine Entwicklung, die im Geschäftsbericht eher unscheinbar wirkt: die Aktivierungsquote der Entwicklungsleistungen. Sie liegt bei Volkswagen 2025 bei 48,1 %. Zum Vergleich: 2022 lag sie noch bei 51,4 %. Damit sinkt die Quote seit mehreren Jahren kontinuierlich.

Warum ist diese Kennzahl so aufschlussreich? Bei Entwicklungskosten verlangt die Rechnungslegung unter bestimmten Voraussetzungen, einen Teil der Aufwendungen nicht sofort als Aufwand zu erfassen, sondern als immateriellen Vermögenswert zu aktivieren. Die Kosten werden nach der Fertigstellung des Vermögenswertes dann über mehrere Jahre abgeschrieben. Eine hohe Aktivierungsquote entlastet daher kurzfristig den Gewinn. Sinkt die Quote, wird ein größerer Teil der Entwicklungskosten sofort ergebniswirksam.

Ergänzend lohnt sich ein Blick auf die Forschungs- und Entwicklungsquote. Sie setzt die gesamten Forschungs- und Entwicklungskosten ins Verhältnis zum Umsatz. Volkswagen investiert weiterhin zweistellige Milliardenbeträge in neue Technologien. Elektromobilität, Softwareplattformen und neue Fahrzeugarchitekturen erfordern enorme Entwicklungsaufwendungen. Doch ist die F&E-Quote in den letzten Jahren gesunken: Während im Jahr 2022 noch 8,1 % der Umsatzerlöse in Forschung und Entwicklung investiert wurden, waren dies 2025 nur noch 6,7 %.

Und mein Senf dazu

Der Gewinneinbruch bei Volkswagen lässt sich zu einem großen Teil durch Sondereffekte erklären. Doch eine Entwicklung im Geschäftsbericht finde ich fast spannender: die sinkende Forschungs- und Entwicklungsquote.

Während 2022 noch 8,1 % der Umsatzerlöse in Forschung und Entwicklung investiert wurden, sind es 2025 nur noch 6,7 %. Das klingt zunächst nicht dramatisch – ist aber durchaus bemerkenswert. Denn die Automobilindustrie befindet sich mitten in einem technologischen Umbruch. Elektromobilität, Softwareplattformen und neue Fahrzeugarchitekturen verschlingen Milliarden.

Sinkende Investitionen in dieser Phase können kurzfristig durchaus attraktiv sein. Weniger Entwicklungskosten bedeuten schließlich auch weniger Ergebnisbelastung. Doch genau darin liegt das Risiko.

Denn in dieser Branche entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit nicht im nächsten Quartal, sondern oft erst in der nächsten Fahrzeuggeneration. Wer heute bei Forschung und Entwicklung spart, könnte morgen bei Technologie, Plattformen oder Software ins Hintertreffen geraten.

Oder anders gesagt: Ein Teil des heutigen Ergebnisses wird möglicherweise mit weniger Innovation bezahlt. Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf diese Kennzahl im Geschäftsbericht. Sie zeigt nicht nur, wie viel ein Unternehmen investiert – sondern auch, wie konsequent es an seiner technologischen Zukunft arbeitet.

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Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker

    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
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    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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