Wenn der Strom ausgeht – was der Berliner Blackout über unsere die Resilienz unseres Berufsstands verrät

Der mehrtägige Stromausfall in Berlin, ausgelöst durch einen gezielten Anschlag auf das Stromversorgungsnetz, hat viele Menschen überrascht – und beunruhigt. Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen waren zeitweise ohne Strom, Kommunikation und teilweise auch ohne Heizung. In einer hochdigitalisierten Metropole wurde schlagartig sichtbar, wie fragil vermeintliche Selbstverständlichkeiten sind. Was lange als theoretisches Risiko galt, wurde binnen weniger Stunden zur Realität.

Dieser Vorfall wirft eine weit über Berlin hinausgehende Frage auf: Wie resilient sind unsere wirtschaftlichen, rechtlichen und beruflichen Strukturen wirklich – und was bedeutet das insbesondere für den steuerberatenden Berufsstand?

Eine veränderte Gefährdungslage

Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Spätestens seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist deutlich geworden, dass Konflikte zunehmend hybrid geführt werden. Cyberangriffe, Sabotageakte und gezielte Störungen kritischer Infrastrukturen gehören heute zum strategischen Instrumentarium. Stromnetze, IT-Systeme und Kommunikationswege geraten dabei verstärkt in den Fokus.

Der Berliner Stromausfall ist daher kein isoliertes Ereignis, sondern ein Warnsignal. Er zeigt, dass auch in einem hochentwickelten Land wie Deutschland reale Verwundbarkeiten bestehen. Die Frage ist nicht mehr, ob solche Störungen auftreten können, sondern wie gut Wirtschaft und Berufsstände darauf vorbereitet sind.

Auswirkungen auf Unternehmen und Wirtschaft

Für Unternehmen ist Strom die Grundlage nahezu aller Geschäftsprozesse. Produktion, Buchhaltung, Zahlungsverkehr, Warenwirtschaft, Personalabrechnung und Kommunikation sind ohne funktionierende Infrastruktur kaum möglich. Bereits kurze Unterbrechungen können Lieferketten stören, Umsätze gefährden und rechtliche Verpflichtungen in Frage stellen.

Die fortschreitende Digitalisierung verstärkt diese Abhängigkeit. Cloud-Anwendungen, digitale Schnittstellen zur Finanzverwaltung und automatisierte Prozesse steigern Effizienz, erhöhen aber zugleich die Anfälligkeit gegenüber Infrastrukturausfällen. Resilienz wird damit zu einem zentralen wirtschaftlichen Erfolgsfaktor.

Die besondere Rolle der Steuerberater

Steuerberater nehmen eine Schlüsselrolle im Wirtschaftsgefüge ein. Sie sind systemrelevante Schnittstellen zwischen Unternehmen, Arbeitnehmern, Sozialversicherungsträgern und Finanzverwaltung. Monatlich werden Umsatzsteuer-Voranmeldungen, Lohnsteuer-Anmeldungen sowie Beitragsnachweise digital übermittelt – fristgebunden und rechtlich hochsensibel.

Fällt die Kanzleiinfrastruktur aus, entstehen unmittelbare Kettenreaktionen. Lohnabrechnungen können nicht erstellt werden, Arbeitnehmer erhalten keine Abrechnungen, Sozialversicherungsträger keine Beitragsmeldungen, Finanzbehörden keine fristgerechten Erklärungen. Die Auswirkungen betreffen damit nicht nur die Kanzlei selbst, sondern zahlreiche Dritte.

Fristen, Haftung und organisatorische Verantwortung

Besonders kritisch ist, dass gesetzliche Fristen grundsätzlich fortbestehen. Erleichterungen oder Fristverlängerungen im Krisenfall greifen nicht automatisch. Steuerberater geraten dadurch in ein Spannungsfeld zwischen rechtlicher Verpflichtung, faktischer Handlungsunfähigkeit und der Erwartungshaltung ihrer Mandanten.

Resilienz bedeutet daher mehr als technische Vorsorge. Sie umfasst auch organisatorische Klarheit: Entscheidungsstrukturen, Priorisierung kritischer Prozesse, Vertretungsregelungen und belastbare Kommunikationskonzepte. Kanzleien müssen sich fragen, ob ihre Notfallpläne realistisch, aktuell und praktikabel sind.

Resilienz als berufliche Pflicht

Der Berliner Stromausfall macht deutlich, wie schnell aus einem technischen Problem ein wirtschaftliches und rechtliches werden kann. Für den steuerberatenden Berufsstand ist Resilienz kein abstraktes Zukunftsthema, sondern Teil der beruflichen Sorgfaltspflicht.

Die entscheidende Frage lautet wie gesagt nicht, ob weitere Störungen auftreten, sondern wie gut Kanzleien, Unternehmen und Institutionen darauf vorbereitet sind. Wer heute vorsorgt, schützt morgen nicht nur die eigene Organisation, sondern trägt zur Stabilität von Wirtschaft und Gesellschaft bei.

Ein Beitrag von:

  • Ralph Homuth, LL.M.

    • Steuerberater in Hamburg
    • Fachberater für internationales Steuerrecht
    • Studium BWL und Wirtschaftsrecht
    • Schwerpunkte: Steuerrecht sowie Internet-/Marken-/Urheberrecht
    • Spezialisierung: Film-, Werbefilm, Influencer, YouTuber, E-Sportler
    • Homepage: stb-homuth.de

    Warum blogge ich hier?
    Künstler, Medien, Freiberufler sind meine Welt. Das Internet und der Social-Media-Bereich eröffnen immer weitere Möglichkeiten, Einkünfte zu erzielen. An steuerliche Auswirkungen wird dabei oft nicht gedacht. Ich möchte diese Themen hier aufgreifen und damit zu Diskussionen anregen.

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