Ein Kredit wird nicht deshalb werthaltiger, weil man ihm noch einen weiteren Kredit zur Seite stellt. Klingt banal – ist in der Praxis aber alles andere als einfach. Gerade wenn ein Schuldner in Schwierigkeiten gerät, können zusätzliche Finanzierungen wirtschaftlich sinnvoll sein: Sie verschaffen Zeit, ermöglichen die Fertigstellung eines Projekts oder verhindern einen noch größeren Verlust. Gleichzeitig stellt sich für die Bilanzierung eine entscheidende Frage: Wie lange sind die ursprünglichen Rückzahlungserwartungen noch realistisch?
Ein aktueller Fall aus der Immobilienbranche zeigt, wie schnell diese Frage relevant werden kann. Die Deutsche Rück hatte das Berliner Immobilienprojekt „Spreesight“ über Jahre finanziert. Kredite wurden erhöht und Laufzeiten verlängert. Nachdem der Projektentwickler Centrum in Schwierigkeiten geraten war, folgte eine umfangreiche Restrukturierung einschließlich eines weiteren Massekredits. In dessen Vertrag wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine vollständige Rückzahlung möglicherweise nicht möglich sein könnte. Der konkrete Fall ist besonders – die dahinterstehende Problematik ist es nicht.
Wenn aus einzelnen Warnsignalen ein Muster wird
Ein Unternehmen gerät selten von heute auf morgen in eine Situation, in der Forderungen plötzlich nicht mehr werthaltig sind. Meist gibt es vorher eine Reihe von Warnsignalen: Zahlungen werden verspätet geleistet, Kreditlinien werden erhöht, Laufzeiten verlängert, Covenants angepasst oder Tilgungen ausgesetzt. Vielleicht wird zusätzliches Kapital benötigt, um ein Projekt überhaupt noch abschließen zu können.
Jedes einzelne Ereignis kann erklärbar sein. Problematisch wird es, wenn daraus ein Muster entsteht. Genau dann darf sich die Beurteilung eines Kredits nicht mehr allein daran orientieren, dass weiterhin Verträge bestehen, Sicherheiten vorhanden sind oder eine Restrukturierung gelungen ist. Entscheidend bleibt die wirtschaftliche Frage: Welche Zahlungsströme sind unter den aktuellen Bedingungen tatsächlich noch zu erwarten?
Das gilt nicht nur für Banken und Versicherungen. Auch Unternehmen können erhebliche Kreditrisiken in der Bilanz haben – etwa aus langfristigen Darlehen an Beteiligungsgesellschaften, Gesellschafterdarlehen, Forderungen gegenüber verbundenen Unternehmen oder umfangreichen Kundenforderungen.
Restrukturierung ist keine Wertaufholung
Besondere Vorsicht ist geboten, wenn ein problematisches Engagement restrukturiert wird. Neue Laufzeiten, veränderte Zahlungspläne oder zusätzliche Sicherheiten können die wirtschaftlichen Aussichten verbessern. Sie sind aber noch kein Beweis dafür, dass die Forderung wieder vollständig werthaltig ist. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass ein Schuldner überhaupt auf Zugeständnisse angewiesen ist, kann selbst ein wichtiges Signal für eine verschlechterte Kreditqualität sein.
Wenn immer mehr Geld im Risiko steckt
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt, der auch für die Bilanzierung gefährlich werden kann. Je höher das bereits bestehende Engagement ist, desto größer wird der Anreiz, weiteres Geld bereitzustellen, um den bisherigen Einsatz zu retten. Ökonomisch kann das im Einzelfall richtig sein. Für die Bewertung der Forderung darf aber nicht entscheidend sein, wie viel Geld bereits investiert wurde. Maßgeblich muss sein, was voraussichtlich noch zurückkommt.
Besonders kritisch wird es, wenn zusätzliche Finanzierungen lediglich dazu führen, dass bestehende Verpflichtungen weiter bedient werden können. Dann kann ein Kredit nach außen weiterhin „performen“, obwohl seine wirtschaftliche Substanz bereits deutlich geschwächt ist.
Und mein Senf
Rettungsfinanzierungen sind nicht per se schlecht. Im Gegenteil: Manchmal verhindert gerade zusätzliches Geld einen erheblich größeren Verlust. Problematisch wird es dort, wo aus einer begründeten Sanierungsentscheidung eine Dauerstrategie wird: verlängern, aufstocken, neu strukturieren – und darauf hoffen, dass sich das Problem irgendwann von selbst erledigt.
Für die Bilanz ist Hoffnung allerdings keine Bewertungsmethode. Eine Forderung bleibt nicht deshalb werthaltig, weil ein Management an den Turnaround glaubt oder weil noch kein formaler Zahlungsausfall eingetreten ist. Wenn ein Schuldner nur noch mit neuen Krediten, verlängerten Laufzeiten oder immer neuen Zugeständnissen über Wasser gehalten werden kann, sollte die Frage nach der Werthaltigkeit nicht irgendwann gestellt werden – sondern genau dann.
Mein Plausibilitätstest ist deshalb simpel: Würde man diesen Kredit heute mit dem Wissen von heute noch einmal zu diesem Wert vergeben? Wenn die Antwort nur funktioniert, weil man besonders optimistische Annahmen, weitere Finanzierungen und eine erfolgreiche Sanierung gleichzeitig voraussetzt, ist Skepsis angebracht.
Denn ein Problemkredit wird nicht gesund, nur weil er noch nicht ausgefallen ist. Und wer Verluste durch immer neue Finanzierungen in die Zukunft verschiebt, hat das Risiko nicht beseitigt – sondern möglicherweise nur besser versteckt.
Lesen Sie hierzu auch:
Wie die Deutsche Rück Reppegathers Centrum am Leben hielt (handelsblatt.com)