Warum die kritische Grundhaltung des Wirtschaftsprüfers wichtiger denn je wird
Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Abschlussprüfung. Die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften investieren derzeit Milliardenbeträge in KI-Systeme und sogenannte KI-Agenten, die künftig einzelne Prüfungshandlungen eigenständig übernehmen sollen. Belege abgleichen, Dokumente auswerten oder Auffälligkeiten identifizieren – vieles, was bislang von Berufseinsteigern erledigt wurde, soll künftig automatisiert erfolgen.
Das klingt nach einer Revolution. Tatsächlich verändert sich die Abschlussprüfung grundlegend. Wer daraus jedoch den Schluss zieht, dass der Wirtschaftsprüfer künftig weniger Verantwortung trägt, irrt. Meines Erachtens passiert sogar das Gegenteil.
Routinearbeiten werden automatisiert
Die Vorteile liegen auf der Hand. KI kann innerhalb weniger Minuten Millionen von Buchungssätzen analysieren, Verträge vergleichen oder Anhangangaben mit den Bilanzzahlen abgleichen. Auffälligkeiten lassen sich schneller erkennen als bisher. Langfristig könnte dadurch sogar eine deutlich umfassendere Prüfung möglich werden als die heute übliche stichprobenartige Vorgehensweise.
Gerade bei standardisierten Prüfungshandlungen dürfte dies die Effizienz erheblich steigern. Gleichzeitig können Prüfungsteams ihre Zeit stärker auf komplexe Sachverhalte konzentrieren.
Das eigentliche Risiko liegt woanders
Mit der zunehmenden Automatisierung verschiebt sich jedoch das Risiko. Denn KI kann zwar Informationen verarbeiten. Sie kann aber auch falsche Schlussfolgerungen ziehen oder sogenannte Halluzinationen erzeugen. Dass dieses Risiko keineswegs theoretisch ist, zeigen bereits mehrere öffentlich bekannt gewordene Fälle aus der Unternehmensberatung, bei denen KI nicht existierende Quellen oder fehlerhafte Zitate erzeugte.
Für eine Beratungsgesellschaft mag dies unangenehm sein. In der Abschlussprüfung kann ein solcher Fehler jedoch deutlich gravierendere Folgen haben. Schließlich verlassen sich Investoren, Banken und andere Abschlussadressaten auf das Testat des Wirtschaftsprüfers.
Deshalb überrascht es nicht, dass die großen Prüfungsgesellschaften umfangreiche Sicherungsmechanismen entwickeln. Eigene geschlossene KI-Systeme, dokumentierte Prüfpfade, mehrfache menschliche Plausibilitätskontrollen und klar definierte Einsatzgrenzen sollen verhindern, dass fehlerhafte KI-Ergebnisse unbemerkt in die Abschlussprüfung einfließen.
Die kritische Grundhaltung bekommt eine neue Bedeutung
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang ein Aspekt, der in der aktuellen Diskussion bislang eher wenig Beachtung findet. Die berufsrechtlich geforderte kritische Grundhaltung richtet sich künftig nicht mehr ausschließlich gegenüber dem geprüften Unternehmen. Sie muss ebenso gegenüber den Ergebnissen der eingesetzten KI-Systeme gelten. Denn auch diese können fehlerhafte oder nicht nachvollziehbare Ergebnisse liefern. Das ist ein interessanter Perspektivwechsel.
Bislang richtete sich die professionelle Skepsis vor allem auf Managementangaben, Bilanzierungsentscheidungen oder Prüfungsnachweise. Künftig muss der Wirtschaftsprüfer zusätzlich hinterfragen, ob die von der KI gelieferten Ergebnisse vollständig, plausibel und nachvollziehbar sind.
Mit anderen Worten: Der Prüfer prüft künftig nicht nur den Jahresabschluss – sondern auch die Arbeit seiner digitalen Assistenten.
Verantwortung bleibt menschlich
Daran ändert auch die fortschreitende Digitalisierung nichts. Ob Werthaltigkeitstests nach IAS 36, Fair-Value-Bewertungen, Rückstellungen oder die Beurteilung der Unternehmensfortführung – zahlreiche Bereiche der Rechnungslegung beruhen auf Ermessensentscheidungen. Genau hier stößt Künstliche Intelligenz an ihre Grenzen.
Vor allem aber bleibt die Verantwortung unverändert beim Wirtschaftsprüfer. Er unterschreibt das Testat persönlich und haftet für dessen Inhalt. Diese Verantwortung lässt sich weder automatisieren noch an eine Software delegieren.
Mein Senf dazu
Ich halte den zunehmenden Einsatz von KI in der Abschlussprüfung grundsätzlich für eine gute Entwicklung. Gerade bei der Analyse großer Datenmengen kann sie Prüfungsqualität und Effizienz deutlich verbessern.
Die eigentliche Herausforderung liegt aber an anderer Stelle: Je leistungsfähiger KI wird, desto größer ist die Gefahr, ihren Ergebnissen ungeprüft zu vertrauen. Genau deshalb wird die kritische Grundhaltung künftig nicht weniger wichtig sein – sondern mehr denn je.
Vielleicht liegt darin sogar die größte Veränderung der kommenden Jahre: Der Wirtschaftsprüfer wird nicht durch KI ersetzt. Er wird zunehmend zum Prüfer seiner eigenen KI.