BaFin 2025: Mehr Prüfungen, mehr Fehler – und die gleichen Schwachstellen?

Noch vor wenigen Jahren stand die Bilanzkontrolle der BaFin massiv in der Kritik. Nach dem Wirecard-Skandal sollte vieles besser, schärfer und konsequenter werden. Bereits im vergangenen Jahr hatte ich daher die Frage gestellt, ob die neue Bilanzkontrolle inzwischen wirklich mehr Schlagkraft entwickelt hat – oder ob trotz aller Reformen weiterhin blinde Flecken bestehen.

Der neue Tätigkeitsbericht 2025 zeigt nun: Die BaFin prüft sichtbarer, intensiver und zunehmend auch komplexere Themen. Doch viele der festgestellten Schwachstellen wirken erstaunlich vertraut.

Die Fehlerquote bleibt hoch, klassische Bilanzierungsprobleme tauchen weiterhin regelmäßig auf – und gleichzeitig kommen mit Nachhaltigkeitsberichterstattung und EU-Taxonomie neue Baustellen hinzu. Die Bilanzkontrolle wird also nicht einfacher, sondern deutlich komplexer.

Mehr Prüfungen – aber noch immer weniger als zu DPR-Zeiten

Im Jahr 2025 schloss die BaFin insgesamt 50 Bilanzkontrollverfahren ab. Davon entfielen 42 auf Stichprobenprüfungen und acht auf Anlassprüfungen. In 14 Fällen stellte die Behörde Fehler in der Rechnungslegung fest. Damit bleibt die Fehlerquote auf einem bemerkenswerten Niveau.

Interessant ist aber vor allem der Blick auf die Anzahl der Prüfungen: Die durch den Wirecard-Skandal abgeschaffte DPR hatte im Jahr 2020 knapp 90 Unternehmen geprüft. Damit führte sie deutlich mehr Prüfungen pro Jahr durch als die Bafin heute. Ein weiterer interessanter Aspekt: 2020 waren noch 531 der Unternehmen auf der Liste der Unternehmen, die geprüft werden könnten.

Die BaFin argumentiert dagegen mit einer deutlich tieferen und intensiveren Prüfungstätigkeit. Statt Masse soll stärker auf Risiko, Komplexität und Durchsetzungskraft gesetzt werden. Die Frage bleibt dennoch spannend: Ist eine geringere Zahl intensiver Prüfungen wirksamer als eine größere Anzahl standardisierter Kontrollen?

Gerade mit Blick auf die steigende Komplexität der Rechnungslegung wäre eine höhere Prüfungsdichte durchaus wünschenswert. Denn die Zahl möglicher Problemfelder nimmt eher zu als ab.

Anlassprüfungen bleiben besonders treffsicher

Anlassprüfungen werden beispielsweise durch Presseberichte, Hinweise von Whistleblowern oder konkrete Verdachtsmomente ausgelöst – und führen auffällig häufig zu Fehlerfeststellungen.

Die Problemfelder lesen sich dabei fast wie ein Déjà-vu:

  • unterlassene Wertminderungen,
  • zu optimistische Planungsrechnungen,
  • fragwürdige Werthaltigkeitsannahmen,
  • Schwächen im Lagebericht,
  • unzureichende Transparenz.

 

Neu hinzu kommen verstärkt Fehler rund um Nachhaltigkeitsberichterstattung und EU-Taxonomie.

Nachhaltigkeit wird zum neuen Prüfungsfeld

Besonders deutlich wird im Tätigkeitsbericht 2025, wie stark sich die Bilanzkontrolle verändert. Während früher klassische Bilanzierungsfragen dominierten, rücken nun zusätzlich Nachhaltigkeitsinformationen in den Fokus der Aufsicht.

Die BaFin nennt unter anderem:

  • Wesentlichkeitsanalysen,
  • Angaben nach Artikel 8 der EU-Taxonomie,
  • Struktur und Vollständigkeit der Nachhaltigkeitsberichte,
  • Konsistenz zwischen Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung.

 

Damit wird die Rechnungslegung zunehmend zu einer Mischung aus Zahlenwerk, Zukunftsprognose und strategischer Kommunikation. Und genau das erhöht die Komplexität erheblich.

Denn viele Nachhaltigkeitsangaben beruhen auf Annahmen, Schätzungen und Interpretationen. Anders gesagt: Dort, wo Interpretationsspielräume wachsen, steigt meist auch das Risiko für Fehler – oder kreative Darstellung.

Mein Senf dazu

Beim Lesen des Tätigkeitsberichts hatte ich an vielen Stellen das Gefühl: vieles hat sich verändert – und gleichzeitig erstaunlich wenig.

Ja, die BaFin kontrolliert heute sichtbarer und schärfer als noch vor einigen Jahren. Ja, Nachhaltigkeit und EU-Taxonomie erweitern die Prüfungsschwerpunkte massiv. Aber die grundlegenden Probleme bleiben oft dieselben: zu optimistische Annahmen, späte Wertkorrekturen und mangelnde Transparenz.

Und trotz aller Reformen bleibt für mich eine Frage offen: Reichen 50 abgeschlossene Prüfungen wirklich aus? Gerade im Vergleich zur früheren DPR wirkt die Prüfungszahl weiterhin überschaubar. Natürlich sind die heutigen Verfahren tiefer und aufwendiger. Aber eine wirksame Bilanzkontrolle lebt eben nicht nur von Intensität, sondern auch von Präsenz und Abschreckungswirkung.

Denn Unternehmen müssen jederzeit damit rechnen, geprüft zu werden. Genau dieses Gefühl ist ein wichtiger Teil funktionierender Aufsicht.

Weitere Informationen

 

Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker
    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
    • Besuchen Sie mein Profil auf LinkedIn

    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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