Gehen Deutschland die Gründer:innen aus?

Immer weniger Menschen in Deutschland wollen ein Unternehmen gründen und sich selbstständig machen, stellt die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) in ihrem aktuellen Gründerreport 2023 fest. Es drohen erhebliche Risiken für die deutsche Volkswirtschaft.

Hintergrund

Die Gründung selbständiger Unternehmen ist eine wesentliche Bedingung für den wirtschaftlichen Erfolg des Mittelstandes in Deutschland, der immer wieder als „das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ bezeichnet wird: Er hat einen wesentlichen Anteil an der Wertschöpfung, sichert Arbeitsplätze und schafft Ausbildungsplätze für junge Menschen.

Mit einer Umfrage analysiert die DIHK regelmäßig die aktuellen Entwicklungen beim Gründungsgeschehen in Industrie, Handel und Dienstleistungsbranchen. Grundlage sind in 2023 aktuell Berichte von 350 Beraterinnen und Beratern für Existenzgründung der regionalen Industrie- und Handelskammern (IHKs). Das Ergebnis: Deutschland gehen die Gründer:innen aus – vor allem klassische Branchen wie Handel, Dienstleistungen und Gastgewerbe sind betroffen.

Wie sieht der Befund für Industrie, Handel und Dienstleistungen aus?

Nach dem KfW-Gründungsmonitor 2022 stiegen zwar im Jahr 2021 nach dem coronabedingten Einbruch im Jahr 2020 die Existenzgründungen von 537.000 auf 607.000 (also + 30 Prozent) an, vor allem digitale und internetbasierte Gründungen erreichten Rekordhöhen. Inzwischen scheint aber die Gründungseuphorie verflogen.

Seit Beginn des DIHK-Gründerreports in 2010 befindet sich das Gründungsinteresse in 2022 auf einem historischen Tiefpunkt: Haben die Berater der 79 IHKn bundesweit in 2010 noch über 431.000 Beratungsgespräche mit Existenzgründern geführt, waren es in 2022 gerade mal noch gut 154.000, mit wenigen Ausnahmen zeigt die Entwicklung über einen Zeitraum von 13 Jahren stetig nach unten. Selbst in Zukunftsbranchen wie Informations- und Kommunikationstechnologie oder unternehmensnahe Dienstleistungen flaut das Interesse laut DIHK-Umfrage inzwischen massiv ab.  Die einzig positive Nachricht: Das Gründungsinteresse von Frauen ist stabil. Für sie zählen insbesondere Flexibilität und bessere finanzielle Anreize sowie, dass sie einen gesellschaftlichen Beitrag leisten können.

Dieser Negativ-Trend könnte sich in 2023 fortsetzen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach Auswertung der Gewerbemeldungen Mitte Mai 2023 mitgeteilt hat, sind im ersten Quartal 2023 5,5 % weniger neu gegründete größere Betriebe als im Vorjahresquartal zu verzeichnen.

Was sind die Ursachen für das rückläufige Gründungsinteresse?

Die Ursachen für das rückläufige Interesse an unternehmerischer Selbständigkeit sind vielfältig:

  • Die gründungsstarken Jahrgänge im Aller zwischen 18 und 35 Jahren dünnen zunehmend aus. Hinzu kommt, dass angesichts des Fachkräftemangels in allen Branchen lukrative Arbeitsangebote in Festanstellung locken, auch im öffentlichen Dienst – warum dann das Risiko der Selbständigkeit eingehen?
  • Jungunternehmer werden nach der DIHK-Umfrage vor allem von unsicheren Rahmenbedingungen abgeschreckt, etwa den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine, hohen Energiekosten mit hartnäckiger Inflation sowie bürokratischen Hürden. Viele Gründungswillige schieben deshalb ihr Vorhaben wenigstens vorläufig auf, um ihr Geschäftsmodell zu einem späteren Zeitpunkt gegebenenfalls anzupassen.

Warum gerade Unternehmensgründungen für eine Volkswirtschaft wichtig sind

Bei weiter rückläufigem Gründungszuwachs droht der deutschen Wirtschaft immenser Schaden, denn Existenzgründer sind für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft essentiell:

  • Gründungen beleben den Wettbewerb und zwingen auch etablierte Unternehmen, sich fortlaufend zu hinterfragen und dem wettbewerblichen Umfeld anzupassen
  • Neue Produkte und Dienstleistungen und Einsatz moderner Technologien führen zur Erschließung neuer Märkte im internationalen Wettbewerb und treiben den Transformationsprozess in der Wirtschaft an
  • Unternehmensgründer schaffen nachhaltig neue Arbeits- und Ausbildungsplätze

Deshalb sollte die Politik die Rahmenbedingungen ändern, die derzeit zu viele potentielle Gründer vom Weg in die unternehmerische Selbständigkeit abhalten: Zu viele und langwierige Genehmigungsprozesse, zu viel Bürokratie, Dokumentations- und Mitteilungspflichten oder ein zu komplizierter Zugang zu Finanzierungsinstrumenten, insbesondere Venture Capital. Sonst wird Deutschland weiter angehängt….

Weitere Informationen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

4 + 4 =