Hat die BWL die falschen Kennzahlen?

Aufgeschreckt von einem nicht wie hier als Frage, sondern als Feststellung betitelten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 27.2.2017, S. 16, hatte ich ein „Déjà-vu“. In dem FAZ-Beitrag wurden klassische Kennzahlen der Unternehmessteuerung sowie Unternehmensbeurteilung und -bewertung in Frage gestellt. Die Argumentation hat mich im ersten Augenblick an die um die Jahrtausendwende geführte Diskussion erinnert, in der die Eignung klassischer Kennzahlen für die Beurteilung von am Neuen Markt notierten Unternehmen in Abrede gestellt wurde.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mir geht es keinesfalls darum, Altes zu bewahren, weil es alt ist und schon immer da war. Es geht mir auch nicht darum Umstellungskosten zu vermeiden. Nur ist nicht jeder neue Gedanke per se gut und Neuerungen müssen genauso argumentativ untermauert werden wie die Bewahrung des Alten.

Das „Déjà-vu-Erlebnis“ rührt aus der Zeit her, als die Kurse am Neuen Markt notierter Unternehmen sich explosionsartig entwickelt hatten und alle Welt von der „New Economy“ sprach, die zur Ablösung der „Old Economy“ führen sollte. Weil die üblichen im Rahmen der Kursbewertung verwendeten Kennzahlen, namentlich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), die rasant gestiegenen Kurse nicht mehr rechtfertigen konnten, wurde die Eignung dieser Kennzahlen für Unternehmen der „New Economy“ pauschal in Abrede gestellt. Es kamen so kreative Vorschläge wie eine Orientierung an den Umsatzerlösen, weil Gewinne für diese Unternehmen nicht entscheidend seien. Es ginge darum, zunächst den Markt zu besetzen, Gewinne könne man später machen. Das war für mich das Alarmzeichen, die Finger von solchen Unternehmen, ja dem ganzen Markt zu lassen, weil der gesunde betriebswirtschaftliche Sachverstand, vielleicht sogar jeder gesunde Menschenverstand abhandengekommen schien. Was ist übrig geblieben vom Neuen Markt: Außer der Erinnerung an die folgende Börsenkrise nahezu nichts!

Zurück nun zur aktuellen Kennzahlendiskussion in der FAZ. Danach sollen Kennzahlen, wie Produktivität und Discounted Cashflow, in Zeiten der Digitalisierung versagen. Für die Industrie 4.0 brauche man neue Kennzahlen. Dazu finden sich Statements aus der Wirtschaft. Als Beispiel wird eine Fertigung angeführt, in der vor 20 Jahren noch 100 Mitarbeitende (ein post-karnevalistischer Beitrag von mir für die Gender-Sprachfront) tätig gewesen seien und heute 6 Personen die Arbeit bewältigen, weswegen eine Auslagerung der Fertigung in ein Billiglohnland vermieden werden konnte. Dabei sei die Produktivität gar nicht gestiegen. Stirnrunzeln auch bei Ihnen? Ach so: Hier wird unter Produktivität der Output je Zeiteinheit verstanden. Darauf muss man erst einmal kommen.  Bei einem – zugegeben kurzen – Blick in zwei namhafte Lehrbücher zur Abschlussanalyse konnte ich eine so verstandene Produktivitätskennzahl nicht entdecken. Vor dem Hintergrund der genannten Mitarbeiterzahlen hätte ich eher eine diesbezügliche Produktivitätskennzahl erwartet, die vermutlich einen steilen Anstieg gezeigt hätte. Interessant könnte auch eine Kapitalproduktivität sein. Was der Output je Zeiteinheit isoliert betrachtet aussagen soll, wäre zumindest zu erläutern. Ein wenig erinnert mich die Argumentation an das GIGO-Prinzip = Garbage In, Garbage Out.

Dann geht es weiter mit einer Aussage, das Produktivitätswachstum in Industrieländern sinke trotz Digitalisierung. Es wird von einem „Produktivitätsparadoxon“ gesprochen. Als Leser kann man nur erahnen, dass hier nicht mehr auf die zuvor dargestellte „Produktivität der Zeit“ abgestellt wird. Zu den vielen wissenschaftlich fundierten Erklärungsansätzen dieses Produktivitätsparadoxons möge einfach jeder meiner Leser einmal in sich gehen und überlegen, welchen Produktivitätsfortschritt die durch die Digitalisierung ausgelöste E-Mailflut verursacht hat. Ich „sichte“ Mails schon lange nur noch in Zeitfenstern, um überhaupt noch so etwas wie Produktivität, z.B. gemessen im o.g. Sinne als Zeichen eines Blogbeitrags je Zeiteinheit, zu erreichen.

Es finden sich weitere Einzelaussagen in dem Zeitungsbeitrag, deren Kommentierung den Rahmen dieses Blogs wieder einmal sprengen würde. Daher will ich nur noch auf die Bemängelung vergangenheitsorientierter Kennzahlen, wie Umsatz und Gewinn, eingehen. Man bräuchte in diesem Zusammenhang wohl mehr zukunftsbezogen verstandene Kennzahlen, wie die „Durchlaufzeit für Aufträge“. Naja, neu ist diese Kennzahl vermutlich nicht. Ich frage mich nur nach der so verstandenen Zeitdimension: Wird diese Kennzahl nicht anhand von Vergangenheitswerten ermittelt? Oder sind Zielgrößen für die Zukunft gemeint? Warum geht das aber nicht bei Umsatz oder Gewinn?????? Übrigens sei beispielsweise auf die Balanced Scorecard verwiesen, mit der versucht wird, unterschiedlichste Kennzahlen als Maßgröße für Teilziele zur Erreichung eines Gesamtziels des Unternehmens zu verbinden.

Immerhin in einem Punkt rennt der Autor des Zeitungsbeitrags offene Türen bei mir ein. Was sagt ein Jahres- oder Konzernabschluss aus, in dem die Erfolgsfaktoren der Zukunft, das immaterielle Vermögen, kaum vorkommen. Nur fallen hier wieder Sätze auf wie: „Zudem sei der aus der Vergangenheit bekannte Zusammenhang von Forschung und Entwicklung einerseits sowie Innovation andererseits nicht mehr gegeben.“ Innovation sei dabei nicht auf Forschungsausgaben zurückzuführen, sondern beispielsweise auf die Entwicklung kundenspezifischer Lösungen. Nur wo liegt da der Gegensatz? Klar: Geld ausgeben, führt nicht zur Innovation. Nur wie entwickelt man kundenspezifische Lösungen ohne Geld auszugeben?

Zum Abschluss habe ich mich dann aber doch wiederfinden können, wenn die Sinnhaftigkeit der Kennzahl EBITDA in Frage gestellt wird. Mit sogenannten Alternative Performance Measures (APM) habe ich mich ja schon früher kritisch befasst. Derzeit brüten zwei Studentinnen im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten über dem diesbezüglichen Wildwuchs in deutschen Geschäftsberichten: Die beiden jungen Frauen sehen dabei nicht immer glücklich aus.

Jedenfalls ist der Zeitungsbeitrag ein Motivationsschub für mich, meine Tätigkeit zum Thema Abschlussanalyse in einem Executive MBA-Programm im 13. Jahr weiter mit Elan auszuüben. Die Teilnehmer sind zwar nicht immer glücklich, wenn am Ende klar wird, dass es keine mechanischen Rezepte für Kennzahlenauswertungen gibt. Aber sie sollten hinreichend sensibilisiert sein, Kennzahlen und die Interpretation deren Ausprägung kritisch zu hinterfragen. Wenn meine Blogleser diese Auffassung teilen, würde mich das freuen. Ansonsten steht die Kommentarfunktion immer bereit.

Weitere Informationen:

Mujkanovic: APM – Was ist das schon wieder?

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