Serie Bilanzskandale: Was die Causa Adler von Wirecard unterscheidet

Eigentlich sollte der Beitrag für Mai schon längst erschienen sein. Doch der Fall der Adler Group hat mir meinen Zeitplan durcheinandergewirbelt. Was ist passiert? Handelt es sich wirklich um einen Bilanzskandal? Warum ist der Fall nicht so eingebombt wie im Sommer 2020 der Causa Wirecard? Die Antworten dazu gibt es in meinem Blogbeitrag.

Was in den letzten Wochen passiert ist

Der Bericht der Sonderuntersuchung von KPMG wurde am 22. April 2022 veröffentlicht. Die Sonderuntersuchung wurde im vergangenen Jahr übrigens beauftragt, weil der Shortseller Fraser Perring dem Unternehmen Bilanzmanipulationen vorgeworfen hatte. In dem Bericht von KPMG zeigte sich unter anderem, dass es bei der Bewertung der Immobilien zwischen KPMG und Adler einige Differenzen gegeben hat. Und dabei wurden nur ein Teil der Projekt- und Wohnimmobilien analysiert. Das Problem dabei? Der Zeitwert wurde von KPMG geringer bewertet als von Adlers Gutachtern. Dabei geht es um immerhin ca. 700 Mio. € – ein nennenswerter Betrag für das SDAX-Unternehmen.

Zu diesem Zeitpunkt war die spannende Frage: Würde Adler am 30. April wie angekündigt einen testierten Geschäftsbericht für das Jahr 2021 vorlegen? Die Antwort dazu gab es am Freitagabend. Einen Tag davor: KPMG konnte den Abschluss offenbar nicht testieren. Wieso wieder KPMG? Dazu sei gesagt: Die Sonderuntersuchung wurde von den Forensikern von KPMG durchgeführt. Gleichzeitig war KPMG auch für die Abschlussprüfung der Adler Group mandatiert.

Warum einen Versagungsvermerk? Da KPMG nicht alle angeforderten Unterlagen bis zum 30. April 2022 vorgelegt wurden, konnten diese keine Aussage über den Abschluss treffen. Die Anleihebedingungen sehen jedoch vor, dass bis zum 30. April 2022 ein geprüfter Abschluss vorgelegt werden muss. Ob dies mit einem Versagungsvermerk erfüllt ist – denn schließlich hat KPMG kein Testat erteilt – wird derzeit diskutiert.

Der nicht testierte Abschluss weist übrigens einen sehr hohen Verlust aus – was keineswegs verwunderlich ist. Wenn man das Unternehmen bereits seit längerer Zeit beobachtet, ist dies übrigens keine Überraschung.

Was Adler von Wirecard unterscheidet

Den KPMG-Bericht zur Sonderuntersuchung und auch den nicht-testieren Geschäftsbericht habe ich natürlich sofort gelesen. Für mich als Bilanzexpertin gibt es kaum Spannenderes als solcher Lesestoff. Ganz abgesehen davon ist dies wunderbares Material für meine Schulungen. Und je mehr mir der Inhalt klar wurde, desto eher kam einige Tage später die Frage: Warum gab es nicht den gleichen Wirbel in der Presse wie bei Wirecard? Dazu muss gesagt werden: Auch wenn in der Presse der Begriff Bilanzskandal genutzt wird: Es gibt noch keine offiziellen Beweise, dass bei der Adler Group Bilanzen manipuliert wurden.

Was ich in meinen Gesprächen u.a. mit Journalisten und Kunden auch immer wieder gehört habe ist, dass die Berichte sehr umfangreich sind. Die Einschätzung, was die Aussagen im Bericht bedeuten, ist mir nicht ganz klar. Sie wissen als Expertin ja genau, wo Sie hinschauen müssen.

Die Causa Adler ist trotz des scheinbar leicht verständlichen Geschäftsmodells deutlich komplexer: Anders als die fehlenden Guthaben auf Treuhandkonten bei Wirecard, stellt sich bei Adler die Frage nach dem Wert der Immobilien und den Projektentwicklungen. Darüber lässt sich sehr gut streiten. Bei Wirecard war klar: Sollten die Gelder wirklich nicht existieren und dennoch in der Bilanz ausgewiesen worden sein, ist dies ein klarer Fall von Bilanzfälschung. Ein Bankguthaben in Höhe von 1,9 Mrd. € ist auch 1,9 Mrd. € wert.

Bei der Bewertung von Immobilien kann man sich jedoch streiten: Was ist die Immobilie denn tatsächlich wert? In den letzten Jahren kannten die Preise zwar nur einen weg, nämlich nach oben. Doch bewegt sich dies – so meine persönliche Wahrnehmung – in einigen Städten schon seit längerer Zeit jenseits von Gut und Böse. Doch seit Jahresbeginn ist einiges passiert: Der Ukraine-Krieg, steigende Zinssätze und Meldungen in der Presse bezüglich einer Immobilienblase in Deutschland. Dies führt mich wieder zurück zur Frage der Bewertung der Immobilien, denn irgendwann ist sicherlich das Ende der Fahnenstange mit steigenden Preisen erreicht.

Doch was macht den Fall von Adler so kompliziert? Das liegt daran, dass es bei der Bewertung der Immobilien sicherlich einen Spielraum gibt, innerhalb dessen man sich bewegen kann. Bilanzkosmetik nennt man dies dann, wenn sich dies im legalen Bereich bewegt. Bisher gibt es bei der Adler Group auch keine offiziellen Belege dafür, dass bei der Bewertung der Immobilien die legalen Grenzen überschritten wurden.

Solange dies der Fall ist, würde ich dies nicht als Bilanzskandal bezeichnen. Denn durch besondere Rechnungslegungsvorschriften haben auch andere Immobilien-Unternehmen in den letzten Jahren sprudelnde Gewinne durch die Wertsteigerungen der Immobilien ausgewiesen. Da ist Adler kein Einzelfall. Brisant ist der Fall vermutlich nur, weil im Gutachten von KPMG auch noch andere Feststellungen gemacht wurden.

Es gibt jedoch auch eine Gemeinsamkeit mit Wirecard: Die Interpretation des KPMG-Berichtes in den veröffentlichten Pressemitteilungen weicht meines Erachtens doch von den im Bericht offengelegten Informationen ab. Daher die Empfehlung, sich die Berichte selbst anzuschauen und nicht allein auf die veröffentlichten Pressemitteilungen des Unternehmens zu vertrauen. Denn hier zeigt sich wieder: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.


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