BaFin wird wachsamer: Kommt die Aufsicht endlich in Bewegung?

Nach Wirecard sollte bei der Finanzaufsicht vieles anders werden. Lange blieb jedoch die Frage, wie viel vom versprochenen Neustart tatsächlich am Kapitalmarkt ankommt. Jüngste Prüfungen könnten nun auf einen Wandel hindeuten.

Vom Verwalten zum Aufklären?

Die BaFin hatte über Jahre ein Imageproblem. Spätestens mit dem Wirecard-Skandal entstand der Eindruck einer Behörde, die Missstände eher verwaltete als konsequent aufklärte. Warnsignale waren vorhanden, kritische Stimmen ebenfalls – doch die entscheidenden Konsequenzen kamen zu spät.

Nach dem Zusammenbruch von Wirecard versprach die Politik deshalb einen Neuanfang. Die Finanzaufsicht sollte schlagkräftiger, schneller und kritischer werden. Mit Mark Branson kam 2021 zudem ein neuer Präsident an die Spitze der Behörde.

Doch für Anleger blieb lange eine entscheidende Frage offen: Wo ist dieser Neuanfang eigentlich zu sehen?

Denn eine reformierte Behörde auf dem Papier ist das eine. Entscheidend ist, ob Veränderungen auch in der praktischen Aufsicht spürbar werden.

Zalando: Kritische Fragen zur ABOUT YOU-Übernahme

Ein interessantes Signal lieferte zuletzt die Zalando SE. Die BaFin leitete eine Prüfung ein, die sich auf die Rechnungslegung und insbesondere auf Angaben im Zusammenhang mit der Übernahme von ABOUT YOU richtet.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Prüfung selbst. Auch auf der Hauptversammlung waren Fragen rund um die Transaktion kritisch diskutiert worden. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hatte dort ebenfalls nachgehakt. Natürlich bedeutet die Einleitung einer Prüfung noch lange nicht, dass tatsächlich ein Rechnungslegungsfehler vorliegt. Genau diese Unterscheidung ist wichtig.

Trotzdem ist der Vorgang interessant: Die BaFin schaut hin – und zwar bei einem Thema, das auch am Kapitalmarkt Fragen aufgeworfen hat.

Nun auch Dermapharm

Ein ähnliches Bild zeigt sich nun bei der Dermapharm Holding SE. Auch dort nimmt die BaFin die Rechnungslegung genauer unter die Lupe. Am 17. Juli hat die Bafin dazu eine Prüfungsanordnung zur Prüfung des Konzernabschlusses für das Geschäftsjahr 2025 veröffentlicht. Kurz gesagt: Wie auch bei Zalando reagiert die BaFin schnell und informiert die Öffentlichkeit bereits zu Beginn der Prüfung. Die Veröffentlichung einer Prüfungsanordnung ist übrigens einer der Neuerungen seit dem Wirecard-Skandal. Davor erfuhr die Öffentlichkeit von der Prüfung erst dann, wenn ein Fehler festgestellt wurde. Bei einer fehlerfreien Prüfung blieb dies somit „geheim“.

Es stellt sich die grundlegende Frage: Erleben wir gerade einen Wandel in der Bilanzkontrolle?

In der Vergangenheit entstand bei kritischen Anlegern nicht selten der Eindruck, dass Hinweise aus dem Kapitalmarkt zwar geäußert wurden, daraus aber zumindest sichtbar wenig folgte. Gerade Aktionärsschützer, Analysten und investigative Journalisten stoßen jedoch immer wieder auf Auffälligkeiten, die einen genaueren Blick verdienen.

Eine funktionierende Bilanzkontrolle sollte solche Hinweise nicht ungeprüft übernehmen. Sie sollte sie aber ernst nehmen, einordnen und dort nachhaken, wo berechtigte Zweifel bestehen.

Genau darin könnte die eigentliche Veränderung liegen: nicht erst reagieren, wenn ein Bilanzskandal bereits eskaliert ist, sondern früher hinschauen.

Prüfungen sind noch keine Trendwende

Bei aller positiven Entwicklung ist Zurückhaltung angebracht. Zwei oder mehrere auffällige Prüfungen machen noch keine neue Aufsichtskultur. Entscheidend wird sein, was aus diesen Verfahren folgt. Wie konsequent prüft die BaFin? Wie transparent kommuniziert sie festgestellte Fehler? Und vor allem: Wird aus einzelnen Fällen eine dauerhafte Praxis?

Eine wirksame Bilanzkontrolle zeigt sich schließlich nicht an der Zahl eingeleiteter Prüfungen allein. Sie zeigt sich daran, ob relevante Risiken frühzeitig erkannt, kritische Sachverhalte konsequent untersucht und festgestellte Verstöße nachvollziehbar offengelegt werden.

Und mein Senf dazu

Nach Wirecard wurde viel über einen Neustart der BaFin gesprochen. Für Anleger war davon lange erstaunlich wenig zu spüren. Die jüngsten Fälle machen deshalb vorsichtig Hoffnung. Wenn die BaFin kritische Hinweise aus dem Kapitalmarkt tatsächlich früher aufgreift und genauer hinschaut, wäre das mehr als nur ein Imagegewinn für die Behörde.

Vielleicht macht sich der Führungswechsel unter Mark Branson nun doch zunehmend bemerkbar. Eine Finanzaufsicht muss nicht überall einen Skandal vermuten. Aber sie muss dort hinschauen, wo Fragen offenbleiben – bevor aus einem Warnsignal ein Bilanzskandal wird.

Ob daraus tatsächlich eine neue Aufsichtskultur entsteht, muss sich erst noch zeigen. Für den Finanzplatz Deutschland wäre es jedenfalls eine ausgesprochen gute Nachricht.

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Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker
    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
    • Besuchen Sie mein Profil auf LinkedIn

    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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