Fast jede dritte von der Bafin geprüfte Bilanz hat Mängel – Fortschritt oder Alarmsignal?

Wirecard war der Weckruf, den niemand gebraucht hätte. Der Skandal zeigte, dass das alte System der Bilanzkontrolle mit der privaten DPR und der Bafin nicht schlagkräftig genug war. Seit 2022 liegt die Verantwortung deshalb vollständig bei der Bafin. Einer der zentralen Verantwortlichen ist Thorsten Pötzsch: Jurist, früher unter anderem bei RWE, im Bundesfinanzministerium und Kanzleramt tätig, heute Bafin-Exekutivdirektor für Wertpapieraufsicht und damit auch oberster Bilanzkontrolleur. Seine Bilanz im Handelsblatt fällt deutlich aus: Von 178 geprüften Jahresabschlüssen beanstandete die Bafin 50 wegen wesentlicher Fehler. Fast jede dritte geprüfte Bilanz weist also Mängel auf.

Das kann man positiv lesen: Die Kontrolldichte ist gestiegen, Fehler werden häufiger erkannt, die Wahrscheinlichkeit, mit Bilanzmanipulation durchzukommen, sinkt. Man kann es aber auch kritischer sehen: Wie kann es sein, dass so viele problematische Abschlüsse überhaupt erst testiert wurden? Denn die Bafin spricht ausdrücklich nicht über Kleinigkeiten, sondern über wesentliche Fehler.

Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?

Besonders interessant fand ich die Einblicke in die personelle Aufstellung – auch im Vergleich zum alten System. Während bei der früher zuständigen DPR gerade einmal rund 12 Mitarbeiter für die Bilanzkontrolle verantwortlich waren, arbeiten heute bei der Bafin rund 60 Fachleute in diesem Bereich, etwa die Hälfte davon Wirtschaftsprüfer, viele mit Erfahrung aus großen internationalen Prüfungsgesellschaften, teils sogar ehemalige Partner. Das ist ein erheblicher Unterschied – nicht nur quantitativ, sondern wohl auch qualitativ. Hier schaut nicht einfach Behörde auf Bilanz, sondern ein deutlich größerer Apparat mit Spezialisten, die das Spielfeld aus der Praxis kennen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die Bafin deutlich häufiger fündig wird als ihre Vorgängerin. Pötzsch verweist selbst darauf, dass die Behörde doppelt so viele Fehler entdeckt wie die DPR. Und die Beanstandungen betreffen keine exotischen Sonderfälle, sondern bekannte Dauerbrenner der Bilanzanalyse: überbewertete Forderungen, problematische Immobilienbewertungen, unterlassene Wertminderungen bei Firmenwerten oder unzureichende Transparenz im Lagebericht. Also genau jene Felder, bei denen Bilanzanalysten und Abschlussprüfer eigentlich besonders sensibel sein sollten.

Noch brisanter wird es bei Anlassprüfungen, also dann, wenn Medienberichte oder Whistleblower Hinweise liefern. In rund zwei Dritteln dieser Fälle stößt die Bafin tatsächlich auf Fehler. Das spricht einerseits für funktionierende Kontrollmechanismen und dafür, dass Hinweisen konsequent nachgegangen wird. Andererseits offenbart es auch erhebliche Schwächen dort, wo Fehler zuvor über Jahre unentdeckt bleiben – trotz Testat, trotz Kapitalmarkt, trotz bestehender Kontrollsysteme.

Mein Senf dazu

Gut an diesem Interview ist, dass es endlich einmal konkreter wird: Wie viele Menschen prüfen eigentlich? Welche Expertise bringen sie mit? Und wie arbeitet die Bafin heute nach Wirecard?

60 Spezialisten für 424 börsennotierte Unternehmen – das klingt zumindest nicht nach symbolischer Aufsicht. Gleichzeitig bleibt für mich die eigentliche Kernfrage bei den Wirtschaftsprüfern. Wenn fast jede dritte geprüfte Bilanz wesentliche Mängel enthält, sollte das nicht nur Unternehmen und Investoren beschäftigen, sondern auch die Branche selbst.

Natürlich ersetzt die Bafin nicht die Abschlussprüfung, und natürlich prüft sie risikoorientierter. Aber die Zahlen zeigen: Der zweite Blick findet erstaunlich oft Dinge, die der erste übersehen hat. Oder provokanter formuliert: Wenn die Bilanzpolizei inzwischen so oft nachbessern muss, wäre es vielleicht an der Zeit, auch einmal genauer auf die Qualität des Türstehers zu schauen.

Lesen Sie hierzu auch:

„Fast jede dritte von uns geprüfte Bilanz hat Mängel“ (handelsblatt.com)

 

Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker
    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
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    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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