Resilienz für Unternehmen: Vorsorge kostet Zeit, keine Vorsorge kostet möglicherweise sehr viel mehr.

Was kostet mich eigentlich ein Tag Stillstand?

Eine einfache Frage. Aber könnten Sie sie für Ihre Steuerkanzlei spontan beantworten oder für Ihre Mandanten? Und was wäre bei drei Tagen? Oder bei einer Woche?

Mit solchen Fragen beschäftige ich mich derzeit aus zwei Perspektiven

Als Reservist nahm ich an der Bundeswehrübung Red Storm Charlie in Hamburg teil. Vom 24. bis 26. September trainierte die Bundeswehr dort gemeinsam mit Feuerwehr, THW, Polizei, Behörden, Hilfsorganisationen und Unternehmen die Zusammenarbeit in Krisen- und Ausnahmesituationen.

Parallel nahm ich als Steuerberater an Red Storm Business teil, einem Angebot der Handelskammer Hamburg, bei dem Unternehmen anhand eines länger andauernden Stromausfalls ihre eigene Krisenfestigkeit auf den Prüfstand stellen können.

Zwei unterschiedliche Formate – aber im Kern dieselbe Frage: Wie handlungsfähig sind wir noch, wenn plötzlich nicht mehr alles funktioniert?

Wir sind systemrelevant. Was passiert eigentlich mit der Kanzlei?

Diese Fragen sollten wir uns auch stellen: Was passiert bei einem länger andauernden Stromausfall, wie beim Blackout in Berlin im Januar dieses Jahres? Welche Mitarbeiter erreichen überhaupt noch die Kanzlei? Wer muss Kinder oder Angehörige betreuen? Wer engagiert sich bei Feuerwehr, THW oder Rettungsdiensten und steht deshalb vielleicht ab dem ersten Tag nicht mehr zur Verfügung? Wie lange funktionieren Internet und Mobilfunk? Wie erreichen wir Mitarbeiter und Mandanten? Welche Prozesse müssen unbedingt weiterlaufen?

Und ganz banal: Was kostet uns ein Tag Unternehmensstillstand? Das sind keine Fragen ausschließlich für Industrie, Logistik oder kritische Infrastruktur. Es sind Unternehmerfragen. Steuerberater sind auch Unternehmer und systemrelevant, wie wir durch Corona gelernt haben.

Die Handelskammer Hamburg hat mit Red Storm Business bewusst ein niedrigschwelliges Angebot geschaffen. Unternehmen können ein konkretes Krisenszenario im eigenen Betrieb durchspielen, Schwachstellen identifizieren und daraus Maßnahmen ableiten. Die Handelskammer stellt hierfür Materialien, Übungsmodule und einen Krisenvorsorgeplan zur Verfügung.

Corona: Haben wir unsere Lektion gelernt?

Wir Steuerberater haben einen Erfahrungsvorsprung, den wir nutzen sollten. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie schnell sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen fundamental verändern können – und welche Rolle unser Berufsstand dann einnimmt.

Plötzlich ging es nicht mehr nur um Buchführungen, Jahresabschlüsse und Steuererklärungen. Unternehmen benötigten Liquiditätsplanungen, Fristverlängerungen, Anpassungen von Vorauszahlungen und Unterstützung bei staatlichen Hilfsmaßnahmen. Ein Unternehmen in der Krise zu betreuen, ist beratungsintensiv – und vor allem zeitintensiv. Genau daraus sollten wir unsere Lessons Learned ziehen.

Denn bei einem größeren Krisenszenario könnte zunächst etwas Paradoxes passieren: In manchen Steuerkanzleien wird es vielleicht erst einmal ruhiger. Wenn bei unseren Mandanten der Betrieb stillsteht, Mitarbeiter fehlen und das operative Geschäft irgendwie organisiert werden muss, dürfte die pünktliche Lieferung der Buchführungsunterlagen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Doch irgendwann ist der Strom wieder da. Die Kommunikation funktioniert. Die Unternehmen fahren ihre Tätigkeit wieder hoch. Und dann könnte unsere eigentliche Arbeit erst beginnen.

Nach der Krise kommt die Beratungswelle

Die wirtschaftlichen Schäden verschwinden schließlich nicht mit der Wiederkehr des Stroms. Umsätze sind ausgefallen, Produktionen standen still, Aufträge konnten nicht abgearbeitet werden und Kosten liefen weiter.

Dann benötigen Mandanten kurzfristig betriebswirtschaftliche Auswertungen und Liquiditätsplanungen. Steuervorauszahlungen müssen überprüft und gegebenenfalls herabgesetzt werden. Fristverlängerungs- oder Stundungsanträge können notwendig werden. Buchführungen müssen nachgeholt werden, während Lohnabrechnungen und laufende steuerliche Pflichten weiterlaufen. Möglicherweise kommen besondere steuerliche Maßnahmen oder staatliche Unterstützungsprogramme hinzu.

Und das Entscheidende ist: Diese Anforderungen kommen möglicherweise nicht nacheinander. Sie kommen gleichzeitig – und von vielen Mandanten. Deshalb gehört zur Krisenvorsorge einer Steuerkanzlei für mich nicht nur die Frage, wie wir einen Strom- oder Internetausfall überstehen. Wir sollten auch überlegen, wie wir den Wiederanlauf organisieren. Welche Arbeiten haben Priorität? Welche Fristen laufen? Welche Mandanten benötigen besonders dringend Unterstützung? Was kann warten? Und was passiert, wenn unsere Mandanten schon wieder arbeiten, unsere eigene Kanzlei aber noch nicht vollständig handlungsfähig ist? Ein Notfallplan, der mit der Wiederkehr des Stroms endet, greift zu kurz.

An unserer Arbeit hängen Menschen

Dabei sollten wir unsere eigene Bedeutung nicht unterschätzen. Nehmen wir ein bewusst kleines Beispiel: Eine Kanzlei erstellt für zehn Unternehmen mit jeweils zehn Beschäftigten die Lohnabrechnungen. Dann hängen bereits 100 Lohnabrechnungen an der Funktionsfähigkeit dieser einen Kanzlei. Hinter diesen Abrechnungen stehen Menschen – und häufig Familien.

Hinzu kommen Finanzbuchführungen, Umsatzsteuervoranmeldungen, Zahlungsverkehr und die laufende Beratung. Die Resilienz einer Steuerkanzlei ist deshalb nicht nur eine Frage des eigenen wirtschaftlichen Interesses. Sie ist auch ein Baustein für die Resilienz unserer Mandanten.

Und genau deshalb können Steuerberater Multiplikatoren sein. Wir kennen die wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Mandanten, ihre Kostenstrukturen und häufig auch ihre Liquidität. Warum also nicht beim nächsten Jahresgespräch einmal fragen: „Wissen Sie eigentlich, was Sie ein Tag Unternehmensstillstand kostet?“ Oder: „Was passiert in Ihrem Unternehmen, wenn drei Tage lang Strom und Internet ausfallen?“

Wir müssen deshalb keine Katastrophenschützer werden. Aber wir können sensibilisieren, Fragen stellen und Denkanstöße geben.

Vorsorge ist keine verlorene Zeit

Natürlich kostet es Zeit, sich mit Krisenvorsorge zu beschäftigen. Einen Notfallplan zu erstellen, Verantwortlichkeiten festzulegen oder kritische Prozesse zu identifizieren, hält zunächst vom Tagesgeschäft ab.

Aber vielleicht sollten wir die Perspektive umdrehen: Ich investiere lieber heute ein paar Stunden in die Frage, was im Krisenfall passieren könnte, als morgen Tage oder Wochen damit verbringen zu müssen, die Folgen eines vermeidbaren Ausfalls zu bewältigen.

Diese Zeit sollten wir uns selbst, unseren Mitarbeitern und unseren Unternehmen wert sein. Denn Resilienz bedeutet nicht, jedes Szenario vorhersehen und jeden Schaden verhindern zu können. Es bedeutet, vorbereitet zu sein, schneller reagieren zu können und die Auswirkungen einer Krise möglichst gering zu halten.

Corona hat uns gezeigt, wie schnell aus einer abstrakten Krise sehr konkrete steuerliche und wirtschaftliche Fragen auf dem Schreibtisch des Steuerberaters werden.

Deshalb lautet die entscheidende Frage für mich nicht nur: Was machen wir während der nächsten Krise? Sondern auch: Sind wir darauf vorbereitet, wenn danach plötzlich alle unsere Mandanten gleichzeitig unsere Hilfe brauchen?

Weiterführender Hinweis:

Informationen und Materialien zu Red Storm Business stellt die Handelskammer Hamburg auf ihrer Internetseite zur Verfügung: https://www.handelskammer-hamburg.de/international-aussenwirtschaft/red-storm-business

 

Ein Beitrag von:

  • Ralph Homuth, LL.M.
    • Steuerberater in Hamburg
    • Fachberater für internationales Steuerrecht
    • Studium BWL und Wirtschaftsrecht, Master of Laws
    • Schwerpunkte: Steuerrecht sowie Internet-/Marken-/Urheberrecht
    • Spezialisierung: Film-, Werbefilm, Influencer, YouTuber, E-Sportler
    • Homepage: www.TplusC.de
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      Warum blogge ich hier?

      Künstler, Medien, Freiberufler sind meine Welt. Das Internet und der Social-Media-Bereich eröffnen immer weitere Möglichkeiten, Einkünfte zu erzielen. An steuerliche Auswirkungen wird dabei oft nicht gedacht. Ich möchte diese Themen hier aufgreifen und damit zu Diskussionen anregen.

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