Serie Bilanzskandale: Präventionsmaßnahmen – Integration von Fraud Risiken ins Risikomanagement

Besonderheiten bei Top Management Fraud

Durch die Gesetzesreformen im Zuge des Wirecard-Skandals kommt dem Risikomanagement eine größere Bedeutung zu. Bedauerlich, dass dafür erst ein Skandal in diesem Ausmaß erforderlich war bzw. ist. Doch schauen wir uns in diesem Beitrag genauer an, wie Unternehmen durch die Integration von Fraud Risiken zur Prävention gegen Bilanzmanipulationen nutzen können.

Zunächst bedarf es der Identifikation der Fraud Risiken. Auch wenn wir uns hier auf das Risiko für Bilanzmanipulationen fokussieren: Fraud Risiken sind weitaus mehr als „nur“ das Risiko für Bilanzmanipulationen. Auch Korruption und Vermögensveruntreuung zählen beispielsweise dazu. Unternehmen müssen zunächst im Risikomanagement die relevanten Fraud Risiken identifizieren.

Was bei der Identifikation der Risiken wichtig ist

Ausgangspunkt für die Erweiterung des Risikomanagements auf Fraud-Risiken ist die strukturierte Erfassung. Die Identifikation der Fraud Risiken kann beispielsweise anhand der drei Risikokategorien erfolgen:

  1. Unternehmensstruktur
  2. Unternehmenskultur
  3. Personal

Eine komplexe und nur schwer durchschaubare Unternehmensstruktur begünstigt Bilanzmanipulationen, wie auch die aktuellen Fälle deutlich zeigen. Dazu zählen auch nicht ausreichend integrierte Tochtergesellschaften bzw. Niederlassungen im (weit entfernten) Ausland sowie eine Divergenz zwischen der Unternehmensgröße und den Überwachungssystemen.

Entscheidende Faktoren bei der Unternehmenskultur sind das Fehlen einer Unternehmensethik sowie ein autokratischer Führungsstil. Auch eine Philosophie nach dem Motto „Ergebnis um jeden Preis“ kann Bilanzmanipulationen ebenso begünstigen wie ein unzureichendes Kontrollbewusstsein.

Welche Kriterien sollten beim Personal bei der Identifikation von Risiken beachtet werden? Dies können mitunter eine unzureichende Qualifikation, eine hohe Fluktuation in Abteilungen wie beispielsweise dem Rechnungswesen und der Internen Revision sowie eine überdimensional variable Vergütung sein.

Es sollten nicht nur Führungskräfte, sondern auch Mitarbeiter auf nachgeordneten Hierarchieebene befragt werden, um die Fraud Risiken des Unternehmens zu identifizieren. Insbesondere wenn die Führungsebene bei Bilanzmanipulationen involviert sind, ist besondere Vorsicht geboten: Dann besteht die Gefahr, dass Mitarbeiter für Gespräche entsprechend angewiesen werden, welche Auskünfte sie geben sollen.

Checkliste Top Management Fraud
Besteht ein Verdacht auf Top Management Fraud, empfiehlt sich die Prüfung anhand der Checkliste für Top Management Fraud:

Typische Szenarien bei Top Management Fraud
  1. Kontrollinstanzen sind nur schwer zu identifizieren
  2. Erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit der Internen Revision
  3. Zurückhaltung oder bewusst fehlerhafte Kommunikation von Informationen
  4. Geheimhaltung der Delikte im engsten Führungskräftekreis
  5. Ausgestaltung der Kontrollaktivitäten nicht zur Erreichung der Unternehmensziele, sondern zum persönlichen Vorteil der Führungskräfte
  6. Risikobewältigung anhand des Verlangens nach Anerkennung und Geltung übermäßig stark ausgeprägter Risikoneigung des Top Managements
  7. Vorliegende Erkenntnisse über Risiken aufgrund von Fehlverhalten des Top Managements werden bei der Risikobeurteilung nicht genutzt, falsch eingeschätzt, ignoriert oder gewusst unterdrückt
  8. Fehlendes Früherkennungssystem von schwachen Signalen, zu spätes Erkennen bestandsgefährdender Risiken
  9. Übertrieben ambitionierte Ziele des Top Managements: hohe Erwartungshaltungen aufgrund allzu optimistischer Verlautbarungen, vor allem unrealistische Umsatz- bzw. Gewinnerwartungen seitens Analysten, Kreditgeber und Investoren
  10. Dominante Patriarchen an der Unternehmensspitze, die Schlüsselpositionen mit vertrauten Weggefährten besetzen
  11. Aggressiver Managementstil bei gleichzeitiger Einschüchterung von Mitarbeitern, Förderung von unterwürfigem Verhalten
  12. Ethik-Kodex des Unternehmens wird im Unternehmen nicht gelebt

Die Identifikation der Fraud Risiken sollte in regelmäßigen Abständen wiederholt und hinterfragt werden, um neue Risiken mit aufzunehmen. Sofern es in der Vergangenheit bereits entsprechende Vorfälle gegeben hat, sollten diese ebenso berücksichtigt werden. Insbesondere die Analyse der Ursachen und der Umstände, die den Vorfall begünstigt haben, sollten bei früheren Fraud-Fällen näher analysiert werden.

Bewertung von Fraud Risiken

Die klassische Risikobewertung mit der Höhe der Eintrittswahrscheinlichkeit sowie der erwarteten Schadenshöhe ist bei Fraud Risiken weniger geeignet. Diese Vorgehensweise ist bei Verhaltensrisiken nicht optimal. Dies hat beispielsweise die folgenden Gründe:

  1. Bei der Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit des Integritätsrisikos könnten dies die betroffenen Mitarbeiter als Herabwürdigung ihrer Person oder Kränkung empfinden.
  2. Fraud-Risiken können Schäden in jeder denkbaren Höhe nach sich ziehen bis hin zur Insolvenz des Unternehmens. Zudem führen die Schäden aus Bilanzmanipulationen kurzfristig nicht zu Schäden im Unternehmen, wenn dadurch die Wettbewerbsposition verbessert wird.

Bei der Bewertung von Fraud Risiken eignen sich für die Beurteilung die ökonomische sowie die ethische Relevanz. Ökonomische Risiken werden zum größten Teil bereits in den Risikomanagementsystemen mit einer traditionellen Prägung berücksichtigt. Bereits das Wissen um die Existenz und die Möglichkeit des Eintretens moralischer Risiken sollte bereits aufzeigen, dass entsprechende Strukturen und System im Unternehmen zur Prävention implementiert werden sollten.

Die Schnittmenge zwischen ökonomischen und ethischen Risiken beim Top Management Fraud sollte in das betriebliche Risikomanagement einbezogen werden. Die Zielsetzung der Risikosteuerung ist demnach die Reduzierung bzw. Vermeidung wirtschaftskrimineller Handlungen. Für ein umfassendes Risikomanagement sollten jedoch weitere Präventionsmaßnahmen wie beispielsweise die Einrichtung eines Hinweisgebersystems implementiert und regelmäßig auf den Prüfstand gestellt werden. Dies ist jedoch nur einer von mehreren Bestandteilen eines Anti-Fraud-Managements des Unternehmens.

Ausblick

Wirecard ist nicht der einzige Bilanzskandal, bei dem das Thema Top Management Fraud aufgetreten ist. Ab März erfahren Sie wieder mehr anhand konkreter Praxisbeispiele, wie in der Vergangenheit Bilanzen manipuliert wurden und wie die Täter genau vorgegangen sind.

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