Serie Bilanzskandale – was KPMG bei Wirecard eigentlich untersuchen sollte

Genau vor einem Jahr war KPMG damit beschäftigt, sich durch die Daten von Wirecard zu wühlen. Der Grund? Eine beauftragte Sonderprüfung, um die unter anderem die Vorwürfe der Financial Times endlich aus dem Weg zu räumen? Im April dieses Jahres wurde der Bericht von KPMG veröffentlicht. Dies war alles andere als ein Befreiungsschlag für den ehemaligen DAX-Konzern. Wirecard hat dies anders gesehen – zumindest, wenn man die damals veröffentlichten Pressemeldungen liest.

Doch was genau sollte KPMG bei Wirecard eigentlich untersuchen? Das schauen wir uns in diesem Beitrag etwas genauer an. Denn eines ist sicher: Die Causa Wirecard wird uns noch einige Jahre beschäftigen. Zudem folgen zahlreiche Gesetzesänderungen, die ich u.a. in meiner Serie „Lehren aus Wirecard“ bereits kritisch beleuchtet habe.

Im Wesentlichen gab es vier Sachverhalte, die von KPMG untersucht werden sollten:

  1. Drittpartnergeschäft durch fiktive Kundenbeziehungen
  2. Veröffentlichungen auf einer Website
  3. Vorwürfe zu den Buchhaltungsthemen in Singapur 2015-2018
  4. Vorwürfe zu einer Unternehmenstransaktion in Indien

Schauen wir uns die Vorwürfe, mit denen Wirecard konfrontiert wurde, im Einzelnen an. Wirecard wehrte sich vehement dagegen: Dan McCrum berichtete Anfang November 2020 im Untersuchungsausschuss im Bundestag, dass 28 Privatdetektive sich um ihn und seine Kollegen „kümmerten“. Dies allein sagt schon sehr viel aus. Was Dan McCrum ansonsten noch im Untersuchungsausschuss berichtet, dazu an anderer Stelle mehr. Denn auch ich wurde bei dieser Sitzung am 5. November 2020 als Sachverständige gehört.

Die verzweifelte Suche nach Kunden von Wirecard

Einer der Vorwürfe in der Financial Times bezog sich auf fiktive Kundenbeziehungen im Zuge des sog. Drittpartnergeschäftes (TPA-Geschäft) von 2016 bis 2018. Was hatte es mit den Drittpartnern auf sich? Diese benötigte Wirecard den eigenen Angaben zufolge in Ländern, in denen der Zahlungsdienstleister keine eigenen Lizenzen hatte. Ob dies auch hinter geschlossenen Türen der wirkliche Grund gewesen sein mag, kann vor den Ereignissen und Meldungen der letzten Monate in Frage gestellt werden.

Die Financial Times deckte auf, dass mit einem TPA-Partner und zwei weiteren Unternehmen im Jahr 2016 ungefähr die Hälfte des EBITDAs erzielt worden war. Die Financial Times versuchte verzweifelt, die 34 Kunden von Wirecard zu finden. Doch bei der Kontaktaufnahme stießen die Journalisten auf Ungereimtheiten. Spätestens seit Herbst 2019 war ersichtlich: Die Nachforschung nach Wirecard-Kunden gleicht der Suche nach einer Nadel in einem sehr großen Heuhaufen.

Vorwürfe einer Website

Auf einer Internetseite, dessen URL im KPMG-Bericht nicht explizit genannt wird, wurden Vorwürfe gegen die Geschäfte des „Merchant Cash Advance“ von 2016-2018 erhoben. Dort finden sich Vorwürfe, dass das Kreditvolumen aus diesem Geschäft durch den Vorstand von Wirecard weder korrekt noch transparent dargestellt worden war. Auf der Website wurden dazu Schreiben an verschiedene Organe und Berater von Wirecard berichtet.

Mit der Veröffentlichung dieser Informationen auf der Website wollten die Initiatoren vermutlich auch darauf hinweisen, dass trotz entsprechender Meldungen und Nachrichten an die Organe von Wirecard keinerlei Handlungen erfolgt sind. Dies ist insbesondere deswegen bedenklich, da Wirecard trotzdem in den DAX aufsteigen konnte. Dieses Beispiel zeigt auch: Bei der Festlegung der Regeln für den DAX und auch andere Indizes sollte auch das Thema Corporate Governance eine Rolle spielen.

Gerade auch der Abstieg der Deutschen Lufthansa aus dem DAX und der vorübergehende Verbleib des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard diesen Sommer hat gezeigt, dass die Regelungen für die Indizes dringend überarbeitet werden müssen. Sicherlich kann man den Aufstieg des Essenslieferanten Delivery Hero in den DAX trotz bisher fehlender Gewinne kritisch sehen. Doch allein darauf abzustellen, greift erheblich zu kurz.

 Buchhaltungsthemen in Singapur

Bereits im Geschäftsbericht 2018 gab es Hinweise bezüglich der Vorwürfe eines Whistleblowers bezüglich Bilanzunregelmäßigkeiten in Singapur. Dies war in dem letzten testierten Bericht nicht nur ein besonders wichtiger Prüfungsinhalt, sondern auch ein Hinweis, der zur Hervorhebung eines Sachverhaltes diente. Also ein gelbes Lämpchen. Wie Braun dies in der Hauptversammlung im Sommer letzten Jahres „verkaufte“, hatte ich bereits berichtet.

Die Vorwürfe der Financial Times betrafen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der Buchhaltung von Tochtergesellschaften in Singapur. Diese bezogen sich unter anderem auf zu hoch ausgewiesene Umsätze, Rückdatierung von Verträgen und Kreislaufbuchungen.

Vorwürfe zu einer Unternehmenstransaktion in Indien

Ursprünglich war der Indien-Deal nicht Bestandteil der Sonderuntersuchung. Doch sah KPMG während der Untersuchung Zusammenhänge dieses Deals mit den Vorwürfen in der Presse, die KPMG prüfen sollte. Bei den Vorwürfen geht es darum, dass Wirecard für den Erwerb des Payment-Geschäftes eines Unternehmens einen überhöhten Kaufpreis bezahlt haben soll. Dieser Vorwurf ist übrigens einer der zentralen Vorwürfe gegen Wirecard und führte bei der Untersuchung von KPMG zu interessanten Erkenntnissen. Doch dazu bald mehr.

Ebenso gab es Vorwürfe zum sog. Roundtripping von Zahlungen in der Presse. Übrigens untersuchte auch EY als Konzernabschlussprüfer diese Vorwürfe im Rahmen der Jahresabschlussprüfung.

Welche Unterlagen hat sich KPMG denn nun überhaupt angeschaut? Hat Wirecard alle geforderten Unterlagen vorgelegt, um die Sachverhalte lückenlos aufklären zu können? Meine Analyse dazu lesen Sie Anfang Januar. Zu welchen Ergebnissen KPMG in der Untersuchung gekommen ist, erfahren Sie in meinen Beiträgen ab Februar.

Lesen Sie dazu auch meine Aufsätze in WP-Praxis:


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