Serie „Bilanzskandale“: Wir können alles. Auch Bilanzen fälschen.

Baden-Württemberg – Land der Bilanzfälscher?

So schlimm? Nun ja. Der größte Fall der deutschen Wirtschaftsgeschichte ereignete sich in Baden-Württemberg. Stichwort: Flowtex. Einer der größeren Skandale der letzten Jahre: Leuchtmittelhersteller Hess AG. Sitz? In Baden-Württemberg. Beim aktuellen Bilanzskandal von Steinhoff  – Stichwort Poco – ist das Ländle nicht beteiligt.

Keine Top 3 Liste, die ein Bundesland anführen will. Als gebürtige Badenerin beschämt mich dies. Woran liegt’s? Der Baden-Württemberger ist ein fleißiger, baut sich sein Häuschen und lebt bescheiden. Sind wir bei den Bilanzen lockerer als die feierwütigen Rheinländer? In Bezug auf Lockerheit könnten wir von diesen noch so einiges lernen. Baden-Württemberg hat viele Unternehmen. Vor allem im Raum Stuttgart und im Schwarzwald gibt es große, erfolgreiche Mittelständler. Meine These: Je mehr Unternehmen es gibt, desto eher ist auch eines dabei, bei dem die Zahlen frisiert werden. Hoffen wir, es gibt keine weiteren Skandale.

Zurück zu Flowtex. Dieser Skandal hatte ein immenses Ausmaß. „Big Manni“ alias Manfred Schmider war das Gesicht des Unternehmens, das Horizontalbohrmaschinen verkaufte. Noch immer ist ein Werbevideo auf Youtube zu finden, in dem für die Technik geworben wird. Wie wurden die Zahlen manipuliert?

Flowtex verkaufte nicht existierende Bohrmaschinen an eine Leasinggesellschaft. Dieser Verkauf wurde als Umsatzerlöse erfasst. Aus tatsächlich nur ca. 300 existierenden Maschinen wurden so laut Bilanz ca. 3.000 existierende Horizontalbohrmaschinen gezaubert. Der fiktive Kauf wurde von Banken finanziert, die die finanzierten Maschinen immer wieder auf den Baustellen sehen wollten. Um aus den wenigen Maschinen mehrere „herbeizuzaubern“, wurden die existierenden immer wieder zwischen den Baustellen hin- und hergefahren, wenn diese vor Ort vorgeführt werden sollten. Lediglich die Nummern der Maschinen wurden ausgetauscht: Eine Maschine wurde u.a. auch den Prüfern immer wieder mit jeweils unterschiedlichen Nummern vorgeführt.

Um nicht existierende Bankguthaben nachzuweisen, wurden auch Kontoauszüge gefälscht. Ebenso nicht gesehen wurde, dass der jährliche Bedarf derartiger spezieller Maschinen in Europa deutlich unter 3.000 lag. Dies ist bei Bilanzmanipulationen häufig der Fall: Laut der Bilanzen werden mehr Produkte verkauft als der Markt nachfragt.

Um dieses Konstrukt aufrecht zu erhalten, wurden auch Prüfer des Finanzamtes bestochen – u.a. mit einer Reise in die Karibik. Der Betrug fiel erst sehr spät auf. Big Manni hatte ein sehr selbstbewusstes Auftreten, von dem sich vermutlich zu viele zu lange blenden ließen. Da der Unternehmer bei mehr als 60 Banken Kredite hatte, war die Übersicht über das Firmenkonstrukt für eine einzelne Bank kaum möglich.

Aufgedeckt wurde der Skandal erst, als Flowtex eine Anleihe auf dem Kapitalmarkt platzieren wollte. Ein ehemaliger Geschäftspartner erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Nicht nur Finanzbeamte und Wirtschaftsprüfer, sondern auch Politiker hatten Anzeichen eines derartigen Skandals „übersehen“ oder verschwiegen. Auch wenn Manfred Schmider die Gefängnismauern wieder verlassen hat, es läuft derzeit immer noch das Insolvenzverfahren.

Über die Geschichte wurde ein Film gedreht. Leider steht der Sendetermin immer noch nicht fest. Bis dahin müssen wir uns mit dem aktuellen Thriller bei Steinhoff begnügen.

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Bilanzfälschung à la Big Manni – Film ab

 

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