Wer Geschäftsberichte liest, konzentriert sich häufig auf Wachstumsfelder, Zukunftsmärkte und neue Technologien. Unternehmen tun schließlich einiges dafür, genau diese Bereiche in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung zu rücken.
Doch manchmal lohnt sich ein Blick auf die Geschäftsbereiche, über die Unternehmen eigentlich gar nicht mehr sprechen möchten. Ein aktuelles Beispiel liefert RWE.
Im Geschäftsbericht und in der Kapitalmarktkommunikation stehen erneuerbare Energien im Mittelpunkt. Offshore-Windparks, Solarenergie und Batteriespeicher prägen das Bild des Konzerns. Die strategische Richtung ist klar: Bis 2040 soll RWE klimaneutral werden. Wer jedoch tiefer in die Zahlen einsteigt, stößt auf einen Bereich mit einer bemerkenswerten Bezeichnung: „Ausstiegstechnologien“.
Wenn das Auslaufmodell noch Geld verdient
Unter den Ausstiegstechnologien fasst RWE unter anderem die verbliebenen Braunkohlekraftwerke zusammen. Auf den ersten Blick wirkt dieser Bereich wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Tatsächlich soll die reguläre Stromerzeugung aus Kohle bis 2030 beendet werden. Die Zahlen erzählen jedoch eine differenziertere Geschichte.
Im Geschäftsjahr 2025 erwirtschafteten die Ausstiegstechnologien ein EBIT von 470 Mio. Euro. Im Vorjahr lag der Wert sogar bei 1.595 Mio. Euro. Zum Vergleich: Das EBIT von Offshore Wind belief sich 2025 auf 736 Mio. Euro, das von Onshore Wind und Solar auf 742 Mio. Euro.
Die Kohle spielt für die strategische Zukunft des Unternehmens zwar keine Rolle mehr. Für das Ergebnis spielt sie dagegen noch immer eine Rolle. Natürlich ist der Ergebnisbeitrag rückläufig. Dennoch zeigt das Beispiel eindrucksvoll, dass ein Geschäftsbereich gleichzeitig auslaufen und wirtschaftlich relevant sein kann. Genau an diesem Punkt beginnt die spannende Frage für Leser von Geschäftsberichten.
Die Macht der Überschriften
Geschäftsberichte bestehen nicht nur aus Zahlen. Sie bestehen auch aus Sprache. Ob ein Segment als „Wachstumsbereich“, „Zukunftstechnologie“, „Transformationseinheit“ oder eben als „Ausstiegstechnologie“ bezeichnet wird, beeinflusst die Wahrnehmung der Leser.
Dabei sagt die Bezeichnung zunächst nichts über die wirtschaftliche Bedeutung eines Bereichs aus. Der Begriff „Ausstiegstechnologien“ beschreibt zutreffend die strategische Perspektive von RWE. Gleichzeitig lenkt er den Blick auf die Zukunft und weniger auf die aktuelle Ertragskraft.
Genau deshalb lohnt es sich, hinter die Überschriften zu schauen. Denn für die Analyse eines Unternehmens ist nicht nur entscheidend, welche Geschäftsbereiche künftig wachsen sollen. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Bereiche heute das Ergebnis erwirtschaften.
IFRS 8: Die Sicht des Managements
An dieser Stelle lohnt ein kurzer Blick auf die Segmentberichterstattung nach IFRS 8. Die Berichterstattung folgt dem sogenannten Management Approach. Unternehmen berichten also über ihre Segmente so, wie diese auch intern gesteuert werden.
Der Ansatz hat viele Vorteile. Externe Adressaten erhalten Einblicke in die interne Organisation und Steuerung des Unternehmens. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass die Segmentberichterstattung niemals vollständig neutral ist. Sie zeigt die wirtschaftliche Realität aus der Perspektive des Managements.
Welche Aktivitäten zu einem Segment zusammengefasst werden, welche Kennzahlen berichtet werden und welche Bezeichnungen verwendet werden, basiert auf internen Steuerungsentscheidungen. Deshalb sollte die Segmentberichterstattung nicht nur gelesen, sondern auch interpretiert werden.
Das Phänomen findet sich in vielen Branchen
RWE ist keineswegs ein Einzelfall. Auch in anderen Branchen finanzieren bestehende Geschäftsmodelle häufig die Zukunft des Unternehmens:
- Automobilhersteller investieren Milliarden in Elektromobilität. Die Gewinne stammen jedoch vielfach noch aus Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor.
- Pharmaunternehmen entwickeln neue Therapien. Die dafür notwendigen Mittel werden häufig durch etablierte Medikamente erwirtschaftet.
- Technologieunternehmen investieren in Cloud-Lösungen oder künstliche Intelligenz, während ein erheblicher Teil der Cashflows noch aus traditionellen Produkten stammt.
Die strategische Zukunft und die aktuelle Ergebnisquelle eines Unternehmens sind daher oft nicht identisch. Wer nur auf die Zukunft schaut, versteht die Gegenwart nicht. Wer nur auf die Gegenwart schaut, versteht die Zukunft nicht. Beides gehört zusammen.
Wo sich die interessanten Informationen verstecken
Für Leser von Geschäftsberichten ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz. Die spannendsten Informationen finden sich häufig nicht dort, wo Unternehmen ihre größten Wachstumschancen präsentieren.
Oft lohnt sich vielmehr ein Blick auf:
- sonstige Segmente,
- aufgegebene Geschäftsbereiche,
- Restrukturierungsbereiche,
- Überleitungsrechnungen,
- Anhangangaben zur Segmentberichterstattung,
- historische Vergleichszahlen.
Gerade dort verbergen sich häufig Informationen über Ergebnisquellen, Risiken oder Abhängigkeiten. Manchmal zeigt sich erst in diesen Angaben, welche Geschäftsbereiche tatsächlich den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens tragen.
Fünf Fragen für die Praxis
Wer die Segmentberichterstattung analysiert, sollte sich deshalb aus meiner Sicht folgende Fragen stellen:
- Welche Segmente erwirtschaften aktuell die höchsten Ergebnisse?
- Welche Segmente stehen im Mittelpunkt der Unternehmenskommunikation?
- Haben sich Segmentzuschnitte oder Segmentbezeichnungen gegenüber dem Vorjahr verändert?
- Welche Bereiche werden als „Sonstiges“ oder in ähnlichen Sammelkategorien ausgewiesen?
- Stimmen strategische Bedeutung und wirtschaftliche Bedeutung überein?
Die Antworten auf diese Fragen liefern häufig wertvollere Erkenntnisse als eine isolierte Betrachtung einzelner Kennzahlen.
Und mein Senf dazu
Mich fasziniert an Geschäftsberichten immer wieder derselbe Widerspruch: Unternehmen sprechen verständlicherweise über ihre Zukunft. Die Zahlen erzählen dagegen häufig etwas über die Gegenwart. Beides ist wichtig. Problematisch wird es erst, wenn Leser das eine mit dem anderen verwechseln.
Deshalb schaue ich bei Geschäftsberichten besonders aufmerksam auf Bereiche mit Bezeichnungen wie „Sonstiges“, „Übrige Aktivitäten“, „aufgegebene Geschäftsbereiche“ oder eben „Ausstiegstechnologien“. Dort finden sich oft genau die Informationen, die erklären, womit ein Unternehmen heute tatsächlich sein Geld verdient.
Das Beispiel von RWE zeigt dabei etwas, das weit über die Energiebranche hinausgeht: Die Geschäftsbereiche, die die Zukunft prägen sollen, sind nicht zwangsläufig dieselben, die heute die Gewinne erwirtschaften.
Wer Geschäftsberichte wirklich verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur fragen, wohin ein Unternehmen will. Sondern auch, woher die Gewinne auf dem Weg dorthin kommen.