Greenwashing beginnt selten mit einer Lüge

Wer Nachhaltigkeitsberichte liest, gewinnt häufig den Eindruck, Unternehmen befänden sich auf einem nahezu perfekten Transformationspfad. Die CO₂-Emissionen sinken, soziale Projekte werden ausgebaut und Nachhaltigkeitsziele konsequent verfolgt. So einfach ist die Realität jedoch selten.

Wie bei der klassischen Finanzberichterstattung stellt sich auch hier die Frage, ob die dargestellten Informationen ein ausgewogenes Bild vermitteln – oder ob vor allem die positiven Aspekte im Vordergrund stehen. Denn Greenwashing beginnt selten mit einer Lüge.

Nicht jede Schönfärberei ist eine Lüge

Wenn über Greenwashing diskutiert wird, denken viele an bewusst falsche Angaben oder erfundene Nachhaltigkeitsleistungen. Solche Fälle kommen vor. Sie sind jedoch vergleichsweise selten.

In der Praxis bewegt sich die Diskussion häufig in einer Grauzone zwischen zulässiger Unternehmenskommunikation und einer Darstellung, die ein deutlich positiveres Bild vermittelt als die tatsächlichen Verhältnisse.

Genau dieses Spannungsfeld kennen Bilanzleser seit Jahrzehnten. Auch bei der klassischen Bilanzpolitik geht es selten um eindeutig falsche Zahlen. Viel häufiger geht es um Ermessensentscheidungen, Schwerpunkte und Darstellungsmöglichkeiten innerhalb der bestehenden Regeln. Warum sollte dies bei Nachhaltigkeitsberichten anders sein?

Die Kunst der Themenauswahl

Ein Unternehmen kann ausführlich über seine Klimastrategie berichten, zahlreiche Maßnahmen zur Energieeinsparung vorstellen und ambitionierte CO₂-Ziele kommunizieren. Gleichzeitig finden sich möglicherweise nur wenige Informationen zu Problemen in der Lieferkette, zu arbeitsrechtlichen Konflikten oder zu Umweltrisiken einzelner Standorte.

Jede einzelne Aussage kann korrekt sein. Trotzdem entsteht beim Leser möglicherweise ein deutlich positiveres Gesamtbild, als eine ausgewogene Darstellung vermitteln würde. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob die Angaben richtig sind. Die entscheidende Frage lautet auch, ob sie vollständig sind.

Wenn Bilder mehr wirken als Zahlen

Geschäftsberichte waren schon immer Kommunikationsinstrumente. Nachhaltigkeitsberichte bieten dafür besonders viele Möglichkeiten. Fotos von Solaranlagen, Windrädern, Mitarbeitenden bei sozialen Projekten oder Begrünungsmaßnahmen vermitteln positive Botschaften. Dagegen wirken Tabellen mit Emissionswerten oder Berichte über Umweltvorfälle deutlich weniger attraktiv.

Natürlich sind Bilder grundsätzlich legitim. Problematisch wird es dann, wenn positive Beispiele überproportional hervorgehoben werden, während kritische Sachverhalte nur am Rande erwähnt werden. Auch hier entsteht keine Falschaussage. Es entsteht jedoch eine gezielte Steuerung der Wahrnehmung.

Die Macht der Sprache

Nicht nur Bilder beeinflussen die Wahrnehmung. Auch die Wortwahl spielt eine wichtige Rolle. Aus der Finanzberichterstattung sind Formulierungen wie „Portfoliooptimierung“, „Transformation“ oder „Restrukturierung“ bekannt. Hinter diesen Begriffen können sich durchaus unangenehme Sachverhalte verbergen.

Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in Nachhaltigkeitsberichten beobachten. Von „Herausforderungen“ statt Problemen, von „Transformationspfaden“ statt Zielverfehlungen oder von „Optimierungspotenzialen“ statt Defiziten zu sprechen, verändert nicht die Fakten. Es verändert jedoch die Wahrnehmung der Leser. Gerade deshalb lohnt es sich, auch auf die Sprache eines Berichts zu achten.

Viel Information bedeutet nicht automatisch viel Transparenz

Ein weiterer Irrtum besteht darin, Transparenz mit Umfang gleichzusetzen. Immer wieder begegnen Berichte mit mehreren hundert Seiten Nachhaltigkeitsinformationen. Das wirkt beeindruckend.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, wie viele Seiten ein Bericht umfasst, sondern wie verständlich die wesentlichen Informationen dargestellt werden. Eine große Menge an Detailinformationen kann Transparenz schaffen. Sie kann aber auch dazu führen, dass kritische Sachverhalte im Informationsumfang untergehen. Für Leser wird es dadurch schwieriger, die tatsächlich relevanten Risiken und Herausforderungen zu identifizieren.

Greenwashing ist oft eine Frage der Balance

Die meisten Unternehmen verfolgen legitime Kommunikationsinteressen. Selbstverständlich möchten sie ihre Fortschritte und Erfolge darstellen. Genau darin liegt jedoch die Herausforderung.

Nachhaltigkeitsberichte sollen nicht nur zeigen, was gut läuft. Sie sollen auch offenlegen, wo Risiken bestehen, wo Ziele verfehlt wurden und wo Verbesserungsbedarf besteht. Je stärker ausschließlich positive Aspekte in den Vordergrund rücken, desto größer wird das Risiko, dass die Grenze zum Greenwashing überschritten wird.

Und mein Senf dazu

Bilanzkosmetik beginnt selten mit einer falschen Buchung. Sie beginnt häufig dort, wo positive Aspekte hervorgehoben und kritische Aspekte in den Hintergrund gerückt werden. Genau deshalb sollte Greenwashing nicht ausschließlich als Frage wahrer oder falscher Angaben verstanden werden. Viel häufiger geht es um die Frage, ob ein Bericht ein ausgewogenes Bild vermittelt.

Wer Nachhaltigkeitsberichte kritisch analysiert, sollte deshalb nicht nur nach Fehlern suchen. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, welche Themen besonders ausführlich dargestellt werden – und welche eher am Rand erscheinen.

Denn manchmal verrät die Gewichtung der Informationen mehr über die Unternehmenskommunikation als die Informationen selbst. Und genau dort beginnt aus meiner Sicht die spannende Analyse.

 

Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker
    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
    • Besuchen Sie mein Profil auf LinkedIn

    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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