Bereinigte Ergebnisse: Wie viel Wahrheit steckt noch im Gewinn?

Viele Unternehmen berichten inzwischen nicht nur ein Ergebnis – sondern gleich mehrere. Neben dem „offiziellen“ Gewinn nach IFRS oder HGB findet sich fast immer auch eine zweite Zahl: Das bereinigte Ergebnis, oft als „Adjusted EBITDA“ oder „bereinigtes EBIT“ bezeichnet. Und nicht selten ist genau diese Zahl die, die im Fokus steht.

Die Begründung ist schnell geliefert: Einmaleffekte, Sondereinflüsse oder außergewöhnliche Belastungen hätten das Ergebnis verzerrt. Wer die operative Entwicklung verstehen will, müsse diese Effekte herausrechnen. Das klingt plausibel. Aber wie belastbar sind diese bereinigten Zahlen tatsächlich?

Mehr Klarheit – mehr Vergleichbarkeit?

Bereinigte Ergebnisse haben grundsätzlich ihre Berechtigung. Ein einmaliger Sondereffekt – etwa eine Restrukturierung oder ein Verkauf – kann die Aussagekraft eines Jahresergebnisses tatsächlich beeinträchtigen. Wer verstehen will, wie sich das operative Geschäft entwickelt, kommt an einer Einordnung solcher Effekte nicht vorbei.

In der Praxis bleibt es jedoch selten bei einer punktuellen Bereinigung. Vielmehr zeigt sich, dass regelmäßig angepasst wird – und zwar nicht immer symmetrisch. Aufwendungen werden häufig als „nicht operativ“ klassifiziert, während Erträge deutlich seltener herausgerechnet werden.

Restrukturierungskosten, Abschreibungen oder Transformationsaufwendungen gelten schnell als Sondereffekte. Sie werden bereinigt, um ein vermeintlich „besseres“ Bild der operativen Entwicklung zu zeigen. Das führt dazu, dass bereinigte Kennzahlen häufig über dem ausgewiesenen Ergebnis liegen. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, was eigentlich noch als operativ gilt – und ob die Vergleichbarkeit dadurch wirklich steigt.

Gleiche Zahlen – unterschiedliche Wahrnehmung

Die Auswirkungen zeigen sich besonders deutlich in Unternehmen, die sich in einer Umbruchphase befinden. Investitionen, Restrukturierungen oder Wertberichtigungen belasten das Ergebnis – werden aber gleichzeitig als nicht nachhaltig eingeordnet und entsprechend bereinigt.

So entsteht nicht selten ein stabiles oder sogar wachsendes „bereinigtes“ Ergebnis, während der ausgewiesene Gewinn unter Druck steht. Die wirtschaftliche Realität ist dabei unverändert. Die Darstellung hingegen verschiebt den Fokus.

Bereinigte Kennzahlen vereinfachen die Geschichte. Sie lenken den Blick auf das, was als „Kern des Geschäfts“ verstanden wird. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass genau die Aspekte ausgeblendet werden, die für die Beurteilung der tatsächlichen Lage relevant sind.

Transparenzanforderungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Unternehmen müssen ihre Anpassungen erläutern und Überleitungen darstellen. Das ist ein Fortschritt. Die grundlegende Entscheidung, was bereinigt wird, bleibt jedoch weiterhin Ermessenssache.

Und mein Senf dazu

Bereinigte Ergebnisse sind kein Problem – solange sie das bleiben, was sie sein sollten: Eine Ergänzung zum Abschluss und keine Ersatzrealität. Kritisch wird es, wenn aus der Ausnahme die Regel wird. Wenn jedes Jahr „Sondereffekte“ auftreten, stellt sich irgendwann nicht mehr die Frage, ob bereinigt werden darf, sondern ob das Geschäftsmodell nicht genau diese Effekte produziert. Denn dann ist es kein Sondereffekt mehr, sondern operatives Geschäft.

Genau hier wird es unangenehm. Viele bereinigte Kennzahlen wirken nämlich vor allem in eine Richtung: nach oben. Aufwendungen werden gerne ausgeklammert, Erträge deutlich seltener. Das Ergebnis ist ein Bild, das stabiler und robuster wirkt, als es tatsächlich ist. Das mag kommunikativ sinnvoll sein – für die Analyse ist es jedoch gefährlich, weil es den Blick auf die wirtschaftliche Realität verzerrt.

Oder zugespitzt: Wer nur auf bereinigte Ergebnisse schaut, analysiert nicht das Unternehmen, sondern dessen Wunschbild. Für die Praxis bedeutet das: Bereinigte Kennzahlen lesen – unbedingt. Ihnen glauben – besser nicht ungeprüft.

Ein Beitrag von:

  • Dr. Carola Rinker
    • Vertretungsprofessorin an der DHBW Lörrach im Studiengang BWL (Finanzdienstleistungen)
    • Diplom-Volkswirtin
    • Fachbuchautorin und Referentin mit dem Schwerpunkt Bilanzanalyse, Bilanzkosmetik und Bilanzforensik
    • Sachverständige im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zum Wirecard-Skandal
    • Anhörung im Finanzausschuss zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz (FISG)
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    Warum blogge ich hier?
    Aus Interesse an den Themen. Aus Spaß. Aus Netzwerk-Gründen. Als Ergänzung zu meiner Arbeit als Unternehmensberaterin und meinen Lehrveranstaltungen ist das Bloggen wunderbar geeignet. Ein Blog bietet die Möglichkeit, sich in einzelne Themen zu vertiefen – und sich anschließend mit Lesern darüber auszutauschen. Da jedes Jahr neue Jahresabschlüsse von Unternehmen vorgelegt werden und sich die Regeln der Bilanzierung ständig ändern, wird mir der Stoff nie ausgehen.

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