Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) sollte eigentlich für mehr Transparenz sorgen. Einheitliche Standards, klar definierte Berichtspflichten und eine externe Prüfung des Nachhaltigkeitsberichts sollen dafür sorgen, dass Unternehmen vergleichbarer werden.
Doch wer glaubt, damit seien kreative Gestaltungsmöglichkeiten verschwunden, dürfte enttäuscht werden. Denn auch Nachhaltigkeitsberichte bieten Spielräume. Und manche davon erinnern erstaunlich stark an die klassische Bilanzpolitik.
Bilanzkosmetik gibt es nicht nur in Bilanz und GuV
Wer sich mit Jahresabschlüssen beschäftigt, kennt die typischen Gestaltungsmöglichkeiten: Die Aktivierung von Entwicklungskosten, die Bildung von Rückstellungen oder die Bereinigung von Ergebnissen um „Sondereffekte“. All diese Maßnahmen bewegen sich grundsätzlich innerhalb der geltenden Regeln. Dennoch können sie die Wahrnehmung eines Unternehmens beeinflussen. Genau dasselbe lässt sich inzwischen auch bei Nachhaltigkeitsberichten beobachten.
Die neuen ESRS-Standards enthalten zahlreiche Ermessensspielräume. Unternehmen müssen Entscheidungen treffen, welche Themen wesentlich sind, welche Kennzahlen verwendet werden und wie ausführlich einzelne Sachverhalte dargestellt werden. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen Transparenz und strategischer Kommunikation.
Die Wesentlichkeitsanalyse: Wer entscheidet, was wichtig ist?
Das Herzstück der CSRD-Berichterstattung ist die Wesentlichkeitsanalyse. Vereinfacht gesagt soll ein Unternehmen prüfen, welche Nachhaltigkeitsthemen für seine Stakeholder und für das Unternehmen selbst besonders relevant sind. Nur über wesentliche Themen muss ausführlich berichtet werden.
Auf den ersten Blick klingt das logisch. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch eine spannende Frage: Wer entscheidet eigentlich, was wesentlich ist? Welche Stakeholder werden befragt? Welche Rückmeldungen fließen in die Bewertung ein? Welche Schwellenwerte werden angesetzt?
Bereits an dieser Stelle entstehen erhebliche Ermessensspielräume. Wer bestimmte Themen als weniger wesentlich einstuft, muss darüber auch weniger berichten. Natürlich bedeutet das nicht automatisch Manipulation. Es zeigt aber, dass Nachhaltigkeitsberichte keineswegs rein objektive Dokumente sind.
Zahlen wirken objektiv – sind sie es auch?
Viele Leser schenken Kennzahlen besonderes Vertrauen. Zahlen erscheinen schließlich präzise und nachvollziehbar. Doch auch im Nachhaltigkeitsbericht hängt vieles von den zugrunde liegenden Annahmen ab.
Wie wird eine Kennzahl berechnet? Welche Datenbasis wird verwendet? Wo wird geschätzt? Welche Abgrenzungen werden vorgenommen? Ähnliche Diskussionen kennen wir aus der Finanzberichterstattung. Dort wird seit Jahren darüber gestritten, wie aussagekräftig bereinigte Ergebnisse tatsächlich sind. Bei Nachhaltigkeitskennzahlen stehen wir möglicherweise erst am Anfang einer vergleichbaren Entwicklung.
Die Macht der Sprache
Bilanzpolitik findet nicht nur in Zahlen statt. Auch die Art der Darstellung beeinflusst die Wahrnehmung eines Berichts. Wer Geschäftsberichte liest, kennt Formulierungen wie „Portfoliooptimierung“, „Transformation“ oder „Restrukturierung“. Hinter diesen Begriffen können sich durchaus unangenehme Sachverhalte verbergen.
Im Nachhaltigkeitsbericht kommen weitere Instrumente hinzu: Bilder, Grafiken, Erfolgsgeschichten und positive Fallbeispiele. Sie sind grundsätzlich legitim. Gleichzeitig können sie dazu beitragen, kritische Themen in den Hintergrund treten zu lassen. Manchmal entsteht dadurch ein Bericht, der sich angenehm liest, ohne dass der Leser am Ende wirklich weiß, wo die größten Nachhaltigkeitsrisiken liegen.
Wo endet Bilanzpolitik und wo beginnt Greenwashing?
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Unternehmen Gestaltungsspielräume nutzen. Das tun sie seit Jahrzehnten. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wo liegt die Grenze?
Bilanzpolitik ist grundsätzlich zulässig, solange sie sich innerhalb der geltenden Regeln bewegt und die Berichterstattung insgesamt ein zutreffendes Bild vermittelt. Greenwashing beginnt dort, wo ein Unternehmen bewusst ein nachhaltigeres Bild erzeugt, als die tatsächlichen Verhältnisse rechtfertigen. Die Grenze ist allerdings nicht immer eindeutig erkennbar.
Gerade deshalb gewinnt die kritische Analyse von Nachhaltigkeitsberichten an Bedeutung. Anleger, Aufsichtsräte, Wirtschaftsprüfer und Berater werden künftig nicht nur die Finanzzahlen hinterfragen müssen. Sie müssen auch verstehen, wie Nachhaltigkeitsinformationen entstehen und welche Ermessensentscheidungen dahinterstehen.
Und mein Senf dazu
Viele Jahre lang haben wir darüber diskutiert, wie Unternehmen Gewinne beeinflussen können. Heute sollten wir zusätzlich darüber sprechen, wie Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsdarstellung beeinflussen können. Die CSRD schafft zweifellos mehr Transparenz. Gleichzeitig entstehen neue Spielräume. Wer Nachhaltigkeitsberichte liest, sollte deshalb dieselbe kritische Grundhaltung mitbringen wie bei Bilanz, GuV oder Kapitalflussrechnung.
Denn die wichtigste Frage lautet oft nicht: Was steht im Bericht? Sondern: Was steht nicht darin?