Investoren, Banken, Analysten und Aufsichtsräte verlangen zunehmend messbare Nachhaltigkeitsinformationen. Unternehmen reagieren darauf mit einer wachsenden Zahl an ESG-Kennzahlen. Die Entwicklung ist nachvollziehbar. Schließlich lassen sich Kennzahlen leichter vergleichen als Absichtserklärungen.
Doch wer Nachhaltigkeitskennzahlen analysiert, sollte nicht bei den ausgewiesenen Werten stehen bleiben. Denn hinter vielen Kennzahlen verbergen sich Annahmen, Schätzungen und methodische Entscheidungen, die erheblichen Einfluss auf die Aussagekraft haben können.
Zahlen schaffen Vertrauen
Kennzahlen genießen seit jeher einen besonderen Vertrauensvorschuss. Eine Eigenkapitalquote von 40 %, eine EBIT-Marge von 8 % oder ein Cashflow von 500 Mio. € vermitteln auf den ersten Blick Objektivität. Genau deshalb spielen Kennzahlen in der Finanzberichterstattung eine zentrale Rolle.
Auch in der Nachhaltigkeitsberichterstattung wächst die Bedeutung quantitativer Informationen. Investoren, Banken, Ratingagenturen und Aufsichtsräte verlangen zunehmend messbare Größen statt allgemeiner Absichtserklärungen. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings entsteht dadurch schnell der Eindruck, ESG-Kennzahlen seien ebenso eindeutig wie klassische Finanzkennzahlen. Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick.
Nicht jede Kennzahl basiert auf einer Messung
Wer eine Maschine wiegt oder den Stromverbrauch eines Gebäudes misst, erhält einen konkreten Wert. Bei vielen Nachhaltigkeitskennzahlen ist die Datenerhebung deutlich anspruchsvoller.
Insbesondere Informationen aus der Lieferkette liegen häufig nicht vollständig vor. Unternehmen greifen deshalb auf Schätzungen, Hochrechnungen, Durchschnittswerte oder externe Datenbanken zurück. Die Folge: Hinter einer scheinbar exakten Kennzahl können zahlreiche Annahmen stehen. Das bedeutet nicht, dass die Angaben falsch sind. Es bedeutet jedoch, dass ihre Aussagekraft wesentlich von der gewählten Methodik abhängt.
CO₂-Emissionen: Die Herausforderung der Lieferkette
Besonders deutlich zeigt sich dies bei den CO₂-Emissionen. Direkte Emissionen innerhalb des Unternehmens lassen sich häufig relativ gut erfassen. Deutlich schwieriger wird es bei den indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette.
Wie hoch sind die Emissionen eines Zulieferers? Welche Emissionen entstehen beim Transport? Wie werden Emissionen bei eingekauften Dienstleistungen berücksichtigt? Für viele dieser Fragen stehen keine vollständigen Daten zur Verfügung.
Unternehmen müssen deshalb mit Annahmen arbeiten. Je nach verwendeter Datenquelle oder Schätzmethode können die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. Für Analysten entsteht dadurch eine Herausforderung: Zwei Unternehmen können ähnliche Werte ausweisen, obwohl die zugrunde liegenden Berechnungen erheblich voneinander abweichen.
Recyclingquote ist nicht gleich Recyclingquote
Ähnliches gilt für Recyclingquoten. Auf den ersten Blick erscheint die Kennzahl eindeutig. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch die Frage, welche Daten überhaupt berücksichtigt werden.
Wird die Quote anhand der eingesetzten Materialien berechnet oder anhand der tatsächlich wiederverwerteten Stoffe? Werden Verluste im Recyclingprozess berücksichtigt? Welche Abfallarten fließen in die Berechnung ein?
Je nach Definition und Berechnungsmethode können sich unterschiedliche Ergebnisse ergeben. Die Kennzahl allein liefert deshalb häufig nur einen Teil der Information.
Kennzahlen beeinflussen zunehmend Vergütung und Finanzierung
Besonders interessant wird das Thema, wenn Nachhaltigkeitskennzahlen nicht nur berichtet, sondern zur Steuerung des Unternehmens eingesetzt werden. Immer mehr Unternehmen verknüpfen ESG-Ziele mit der variablen Vorstandsvergütung. Gleichzeitig gewinnen Nachhaltigkeitskennzahlen bei Kreditvereinbarungen und ESG-Ratings an Bedeutung.
Damit entsteht eine Situation, die viele Leser bereits aus der Finanzberichterstattung kennen. Sobald Kennzahlen über Boni, Finanzierungskosten oder die Wahrnehmung am Kapitalmarkt entscheiden, rückt die Frage ihrer Definition und Ermittlung stärker in den Fokus.
Die Diskussion über bereinigte Ergebnisse zeigt seit Jahren, wie wichtig die genaue Kenntnis der Berechnungsmethodik sein kann. Eine ähnliche Entwicklung könnte nun auch bei ESG-Kennzahlen bevorstehen.
Warum die Methodik wichtiger ist als die Zahl
Für die Praxis ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz.
Die Analyse sollte nicht bei der Kennzahl enden. Vielmehr lohnt sich ein Blick auf die zugrunde liegende Methodik.
Aus meiner Sicht gehören insbesondere folgende Fragen auf die Checkliste:
- Wie wurde die Kennzahl ermittelt?
- Welche Daten stammen aus Messungen und welche aus Schätzungen?
- Haben sich die Berechnungsmethoden gegenüber dem Vorjahr verändert?
- Werden Unsicherheiten transparent erläutert?
- Sind die Kennzahlen mit Wettbewerbern vergleichbar?
- Welche Rolle spielen die Kennzahlen bei Vergütungssystemen oder Finanzierungsvereinbarungen?
Gerade die letzte Frage dürfte in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen.
ESG-Kennzahlen sind nicht automatisch objektiver als Finanzkennzahlen
12,4 % Recyclingquote. 3.248 Tonnen CO₂. 28 % Frauenanteil im Management.
Solche Zahlen vermitteln Präzision. Genau deshalb genießen Kennzahlen häufig einen Vertrauensvorschuss.
Doch wie bei vielen Kennzahlen aus der Finanzberichterstattung lohnt sich auch hier ein Blick hinter die Kulissen. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie hoch die Kennzahl ist. Die entscheidende Frage lautet, wie sie entstanden ist.
Wer Nachhaltigkeitsberichte analysiert, sollte daher nicht nur die Ergebnisse lesen, sondern auch die Methodik dahinter verstehen. Denn die spannendere Geschichte steckt häufig nicht in der Zahl selbst, sondern in ihrer Berechnung.
Dieses Phänomen ist aus der klassischen Bilanzanalyse nicht unbekannt. Auch bei aktivierten Entwicklungskosten, Goodwill-Bewertungen oder bereinigten Ergebnissen entscheidet oft nicht die ausgewiesene Zahl allein über die Aussagekraft einer Information, sondern die zugrunde liegenden Annahmen und Ermessensentscheidungen.
Genau deshalb sollten ESG-Kennzahlen nicht anders behandelt werden als Finanzkennzahlen. Wer die Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens beurteilen möchte, sollte sich nicht nur mit den veröffentlichten Werten beschäftigen, sondern auch mit den verwendeten Definitionen, Schätzungen und Berechnungsmethoden.
Mit der zunehmenden Bedeutung von ESG-Kennzahlen für Vergütungssysteme, Finanzierungen und Ratings wird diese Frage künftig noch wichtiger werden. Denn Transparenz entsteht nicht dadurch, dass eine Kennzahl veröffentlicht wird. Transparenz entsteht erst dann, wenn nachvollziehbar ist, wie diese Kennzahl zustande gekommen ist.