Wer Milliardenbewertungen einsammelt, aber seine Jahresabschlüsse jahrelang unter Verschluss hält, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie belastbar sind Wachstumsgeschichten ohne überprüfbare Zahlen? Der aktuelle Fall mehrerer Start-ups zeigt ein strukturelles Problem – und offenbart Schwächen im System der Publizitätspflichten.
Transparenz? Nur solange sie nicht stört
Kapitalgesellschaften in Deutschland sind zur Offenlegung ihrer Rechnungslegung verpflichtet. Dennoch zeigt sich: Wer nicht veröffentlicht, begeht keine Straftat, sondern riskiert „nur“ Ordnungsgelder. Genau darin liegt die Schieflage. Wenn Bußgelder wirtschaftlich verkraftbar sind, können sie de facto zum kalkulierten Preis für Intransparenz werden.
Besonders problematisch wird das bei hoch bewerteten Unternehmen, die mit milliardenschweren Finanzierungsrunden Schlagzeilen machen, gleichzeitig aber Investoren, Geschäftspartnern und der Öffentlichkeit keinen aktuellen Einblick in Umsatz, Ertragslage oder Liquidität geben. So entsteht ein Informationsgefälle: Ausgewählte Investoren erhalten Daten, der Markt jedoch nicht. Transparenz wird selektiv.
Das Problem reicht dabei weit über einzelne Unternehmen hinaus. Es betrifft die Glaubwürdigkeit von Unternehmensbewertungen insgesamt. Denn ohne veröffentlichte Zahlen bleibt oft nur das Narrativ des Managements – und das ist selten neutral.
Bewertung ohne Bilanz: Wie belastbar ist Wachstum?
Gerade in Zeiten hoher Bewertungen und unsicherer Kapitalmärkte ist Transparenz kein Nice-to-have, sondern Grundlage für Vertrauen. Wer seine Zahlen nicht offenlegt, erschwert nicht nur Wettbewerbern den Blick, sondern auch potenziellen Geschäftspartnern, Mitarbeitenden und kritischen Marktbeobachtern.
Das Argument der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ wirkt dabei nur bedingt überzeugend. Denn auch in wettbewerbsintensiven Märkten legen zahlreiche Unternehmen ihre Zahlen offen – sei es aus regulatorischer Pflicht oder weil Glaubwürdigkeit langfristig wertvoller ist als Geheimhaltung.
Hinzu kommt: Fehlende Transparenz kann Bewertungen künstlich stabilisieren. Solange schwächere Geschäftsjahre nicht sichtbar werden, bleibt die Wachstumsstory unangetastet. Das mag kurzfristig funktionieren, birgt aber langfristig Risiken – spätestens dann, wenn Kapitalmärkte, Banken oder ein möglicher Börsengang harte Fakten verlangen.
Und mein Senf
Mich irritiert weniger, dass Unternehmen ihre Zahlen schützen wollen – sondern dass unser System dies offenbar erstaunlich lange zulässt. Wer die Vorteile einer Kapitalgesellschaft nutzt, sollte bei Transparenz nicht auf Tauchstation gehen können.
Offenlegungspflichten dürfen kein zahnloser Papiertiger sein, dessen Missachtung man einfach als Betriebsausgabe verbucht. Sonst droht ein gefährlicher Präzedenzfall: Wachstumserzählung vor Rechenschaft.
Für Anleger, Geschäftspartner und auch Mitarbeitende gilt deshalb mehr denn je: Wenn der Blick in die Bücher fehlt, sollte auch beim Vertrauen ein Risikoabschlag einkalkuliert werden.
Weitere Informationen:
Zwei deutsche Milliarden-Firmen verschweigen Bilanzen seit 2019 (handelsblatt.com)